Schnittmuster-Blues

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Oberteilstoffe warten auf Frühlingsinspiration. Ich wende mich bewährten Schnitten zu

Ich habe den Schnittmuster-Blues. Einen Überdruss. Fast schon eine Depression. Kein neues Schnittmuster reißt mich vom Hocker – alles schon gesehen, merkwürdiges Zeug, nichts Neues. Langweilig. Öde.

In den letzten Jahren bin ich im Frühling gespannt durch die neuen Kollektionen der kleineren Schnittmusteranbieter gesurft, habe vieles entdeckt, was ich unbedingt nähen wollte – und hätte nie Zeit gehabt, all die reizvollen Projekte tatsächlich anzugehen. Ich war inspiriert und begeistert. Spannende Silhouetten, raffinierte Details, reizvolle Linien haben mir Lust gemacht, viel auszuprobieren.

Gähnende Langeweile
Der Bowline Sweater hat als einziges Indie-Schnittmuster der letzten Zeit ein sofortiges Muss-ich-haben-Gefühl bei mir ausgelöst
Der Bowline Sweater hat als einziges Indie-Schnittmuster der letzten Zeit ein sofortiges Muss-ich-haben-Gefühl bei mir ausgelöst

In diesem Jahr befällt mich nur gähnende Langeweile. Rüschenblusen (schon wieder l’Impatiente von MLM Patrons, Marie von Named), Hemdblusen (Sarah von ByHand London, Melilot von Deer and Doe), die 1001. Variante eines Skater-Dresses (Beatrix von Named, Zephyr von Deer and Doe), gerade Kleider (Laurel von Colette, Arum von Deer and Doe). Als Details anzubieten haben die Schnitte einen Bubikragen. Eine Brusttasche. Eine Schulterpasse. Aber dafür kauf ich mir doch keinen Schnitt.

Gar nichts Neues noch von Pauline AliceRepublique du Chiffon kündigt neue Schnitte an. Und illustriert dies mit einem Foto, das meine Hoffnung gleich wieder zunichte macht. Da sieht man einen Armausschnitt mit Schuppen-Dekoration. Falls ich an Fasching mal als Tabaluga-Drache gehen will.

Lernprozess oder übertriebene Erwartung

Ich weiß nicht, was los ist mit mir. So viel Überdruss, statt fröhlich Frühlings-Nähpläne zu schmieden. Vielleicht liegt es daran, dass ich Schnitte immer besser durchschaue und verstehe, dass ich eine Schulterpasse, eine Brustasche oder einen abgerundeten Kragen auch ohne neues Schnittmuster hinbekomme. Dann wäre mein Schnittmuster-Blues ja Symptom eines Lernprozesses – ich angekommen auf einer höheren Stufe meiner Nähnerd-Existenz?

Oder bin ich einfach nicht modebewusst genug, um die kleinen feinen Veränderungen der neuen Schnitte angemessen zu würdigen? Spießig und ohne Lust am Ausprobieren der paar neuen Ideen, die ich gefunden habe? Die Astrid Wrap Pants von Named zum Beispiel. Eine coole, überlange Marlenehose mit Wickellatz. Interessant ja. Tragbar im Saarland? Daran zweifele ich. (Aber in diesem Fall werde ich genau beobachten, ob in der Blogosphäre tragbare Astrid Pants auftauchen. Könnte ja sein…).

Vielleicht erwarte ich in diesem Frühling einfach zu viel? Die Neuerfindung des Kleides sogar? Und dabei muss ich zugeben und sehe es ein: Ein Kleid bleibt ein Kleid bleibt ein Kleid. Eine Hose wird immer zwei Hosenbeine haben.

Drei Auswege

Was tun also, ohne neue Schnittmuster?

Erster Ausweg: Ich werde mich meinen alten Schnitten zuwenden. Eine schöne Alma-Frühlingsbluse schneidern (oder zwei). Und vielleicht endlich mal die Thurlow Trousers ausprobieren.

Zweiter Ausweg: Ich baue selbst. Gerade habe ich einen schönen Waxstoff für ein Sommerkleid bestellt. Das Kleid sehe ich schon vor mir, den Schnitt baue ich selbst. Aus Versatzstücken anderer Schnitte, mit viel Nähbuch-Lektüre. Das ist spannend.

Ein Rückblick als Ausweg: Vielleicht findet sich in den alten Büchern ein spannender Schnitt
Ein Rückblick als Ausweg: Vielleicht findet sich in den alten Büchern ein spannender Schnitt

Dritter Ausweg: Ich schaue in die Vergangenheit. Und schmökere mich entspannt durch die 70er Jahre-Handarbeitsbücher meiner Mutter. Zwischen zahlreichen Scheußlichkeiten findet sich da immer mal ein interessantes Modell.

Einmal bin ich kürzlich übrigens doch angesprungen auf einen neuen Schnitt. Der Bowline Sweater von Papercut Patterns liegt schon zusammengeklebt bereit. Ein Jerseyoberteil mit knotenartiger Verschlingung auf der Schulter. Sehr spannend. Damit lege ich jetzt mal los.

Und vielleicht habe ich ja spannende neue Schnittmuster übersehen? Wenn ja, gebt mir einen Tipp. Ich bin gespannt.

Nähen für’s innere Gleichgewicht

Gegen Stress finde ich Patchwork fast so gut wie Yoga
Gegen Stress finde ich Patchwork fast so gut wie Yoga

Manchmal lassen wir uns auffressen – vom Frust über Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben, vom Ärger über Menschen, die wir nicht ändern können, von Aufgaben, die uns nicht gut tun. Wir vergessen im alltäglichen Survival-Modus auf die Dinge zu achten, die eigentlich wichtig sind.

Kürzlich saß ich mit lieben Kolleginnen zusammen und wir sinnierten über diese Fragen. Und über die wirklich bedeutsamen Dinge. Ich habe mir an diesem Nachmittag vorgenommen, das Gleichgewicht in meinem Leben besser zu pflegen. Wie das gehen kann und was die bedeutsamen Dinge sind – das sind sehr persönliche Fragen. Zu meinen Antworten gehören diese: Öfter den Job neben den Kindern herlaufen lassen statt umgekehrt. Genug Zeit für mich selbst und mein inneres Gleichgewicht freihalten. Und das heisst auch: Nähen, ganz egal, wie groß der Bügelwäscheberg sein mag und wie staubig das Wohnzimmer.
Vor ein paar Tagen habe ich bei Louise ein ganz wunderbares Gleichnis gelesen das mir wie ein Echo auf mein Kolleginnen-Gespräch vorkommt.

Kurz übertragen geht die Geschichte so:

Ein alter Dozent einer französischen Elite-Hochschule hält einen Vortrag über Zeitmanagement. In einer Stunde soll er dem Führungsnachwuchs alles Wissenswerte über das Thema nahebringen. Er tut dies mit einem Experiment.
Der Dozent stellt einen riesigen Glaskrug auf den Tisch. Dann bringt er einen Haufen tennisballgroßer Steine zum Vorschein und legt sie nacheinander in den Krug. Als kein Stein mehr hineinpasst, fragt er seine Schüler: Ist der Krug nun voll? Ja!, rufen sie. Da holt er einen Eimer mit Kies unter dem Pult hervor, füllt die Kiesel in den Krug und schüttelt, bis sie sich in alle Hohlräume verteilt haben. Wieder fragt er: Ist der Krug nun voll? Nein, ruft einer besonders gewitzter unter seinen Schülern. Zufrieden stellt der Dozent einen Eimer mit Sand auf das Pult, schüttet ihn in den Krug und rüttelt vorsichtig, bis der Sand sich gut verteilt hat. Erneut fragt er: Ist der Krug voll? Nun sind sich alle Schüler einig: Nein, ist er nicht. Und der alte Herr nimmt die Wasserkaraffe vom Pult und gießt den Krug bis zum Rand mit Wasser voll. Dann fragt er: Welche große Wahrheit zeigt nun dieses Experiment? Ein eifriger Schüler antwortet ihm: Es zeigt, dass wir immer noch eine Lücke in unserem Zeitplan finden, dass wir immer noch etwas mehr arbeiten, ein paar Termine mehr einbauen können, wenn wir nur wollen.

Ganz falsch, antwortet der alte Dozent. Das Experiment zeigt uns dies: Wenn wir die dicken Steine nicht als erste in den Krug füllen, passen am Ende nicht alle von ihnen hinein.
Und, nach einem Moment nachdenklicher Stille, fährt er fort: welches sind nun die großen Steine in eurem Leben? Eure Familie? Ein Hobby? Für eine Sache eintreten? Sich entspannen und Spaß haben? Einen Traum verfolgen? Das sollt ihr lernen: ins Leben erst die großen Steine, die wichtigen, einfüllen. Sonst werdet ihr keinen Erfolg haben – mit eurem Leben. Wenn ihr den Nichtigkeiten – Kieseln und Sand – den Vorrang einräumt, werden sie euer Leben ausfüllen, und den wichtigen Dinge keinen Platz lassen. Das ist es also, was ihr euch fragen müsst: was für euch die wichtigen Dinge sind. Und diese müsst ihr dann zuerst in den Krug eures Lebens füllen.

So wenig ich oft mit Gleichnissen, Lebensweisheiten, Aphorismen und ähnlichen geflügelten Geschichten anfangen kann – diese hat mich berührt. Louise hat natürlich die Verbindung zum Nähen gezogen, für das sie sich Zeit nimmt, auch wenn 1000 andere Dinge anstehen. Das versuche ich auch. Und freue mich, wenn es klappt. Denn wenn ich erst mal ein Stündchen genäht habe, profitiert meine Familie hinterher von meinem entspannteren, zufriedeneren ich. Genauso, wenn ich mit lieben Freundinnen geplaudert oder mehr oder weniger große Gedanken für den Blog aufgeschrieben habe.

 

Freiheit zur Veränderung

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Wie ein Gummiband kann ich beim Nähen meine Grenzen ausdehnen. Und feststellen, was mir guttut und was nicht

Veränderung hat Meike als neues Stichwort in die Runde der sommerphilosophierenden Näherinnen geworfen. Verändern wir unsere Kleidung, weil wir uns verändern? Oder verändert unsere Kleidung unser Ich? Ich vermute: Die Freiheit, uns immer wieder zu verändern, schaffen wir uns selbst. Indem wir nähen. Wer Kleidung kauft, muss aus dem wählen, was zu bekommen ist. Ich erinnere mich, dass ich vor ein paar Jahren ein schickes Outfit für eine besondere Gelegenheit einkaufen wollte. Ging nicht. Denn zu bekommen war in den üblichen Innenstadtläden nur Rüschen, Fransen, Volants und Tuniken, meist auch noch pastellfarbig-großgeblümt – all das hielt ich für indiskutabel. „Das ist die Mode in diesem Jahr“ war die Erklärung für das Shopping-Desaster.

Wer Kleidung näht, muss sich an keine Mode halten. Das verschafft unbegrenzte Möglichkeiten. Lang oder kurz, eng oder weit, gemustert oder uni, retro oder clean oder Chanel oder öko oder wie? So viel Freiheit! Und so viel Unabhängigkeit von dem, was in der Innenstadt „die Mode“ heißt.

Freiheit zum Ausprobieren

Was machen mit so viel Freiheit? Ich habe am Anfang meiner Näherei ganz viel herzgenäht. Ich habe spontanen Stimmungen nachgegeben, Ideen umgesetzt, Stile ausprobiert, in alle Richtungen gedacht und geschneidert und experimentiert (und das ein oder andere scheußliche Teil produziert – aber damals fand ich’s toll). Ich habe meine Freiheit genutzt und gedehnt wie ein Gummiband. Die einzigen Grenzen setze ich. Wenn ich feststelle, dass ich mich nicht mag oder nicht wohlfühle in einer Farbe, einer Silhouette, einem Kleidungsstück.

Je mehr ich dank all dieser näherischen Experimente über mich gelernt habe (und je mehr ich dabei über das Nähen gelernt habe), umso mehr habe ich angefangen, überlegter zu nähen. Weil ich ja besser wusste, was mir gefällt, was mir steht, was ich im Alltag gerne trage. Dieses Kopfnähen muss natürlich nicht langweilig sein – darauf haben Frau Lotterfix und Kuestensocke in ihren Kommentaren auf meine Überlegungen zum Kopf- und Herznähen ganz vehement und natürlich nicht zu Unrecht hingewiesen. Für mich wird es dann langweilig, wenn ich unbedingt etwas nähen muss – gegen vernünftiges Bedarfsnähen entwickle ich einen richtigen Widerstand. Oft finde ich Kopfnähen aber sehr spannend, weil ich mir gerne viele Gedanken darüber mache, wie ein Nähprojekt sich in den Kleiderschrank einfügt, wie ich es kombinieren kann, was ich zur Ergänzung auch noch nähen könnte.

Veränderung muss sein

Immer wieder schiebe ich  weiter auch Experimente ein, um festzustellen, wie weit ich bei den Farben, Formen, Mustern und Nähtechniken mein persönliches Gummiband dehnen kann und mag. Dieses Ausprobieren und Grenzen-testen gehört dazu, wenn man wächst und reift und älter wird. Und das Neu-Setzen von Grenzen ebenfalls. Insofern finde ich es ganz natürlich, dass sich auch die Stile schneidernder Frauen mit der Zeit entwickeln. Julia, Zsusa und Michou berichten gerade davon. Und in vielen Blogs kann man solche Veränderungen nachvollziehen, wenn man ein bisschen in die die Vergangenheit blättert (jedem seine eigene Modegeschichte – auch eine schöne Funktion von Blogs). Ich bin sicher: Der Kleiderschrank reift mit der Frau, die ihn füllt. Das muss so sein. 10 Jahre lang dieselbe sein und dieselben Kleider tragen – das wäre doch schrecklich! (Und was würden wir dann nur nähen?)

Mode setzt Grenzen

Weil ich als Näherin so viele Alternativen habe, kann ich auch die Entwicklungen der Mode als Angebot betrachten. Ich nehme, was mir gefällt. Und lasse den Rest liegen. Ich habe den Eindruck, dass ich viel unabhängiger von „der Mode“ bin, seit ich nähe. Mancher würde vielleicht sagen: Ich bin nicht mehr so modisch. Eben weil ich mir meine Alternativen schaffen kann. Ich lasse mich viel von dem inspirieren, was ich auf Blogs sehe und lese. Manchen Schnitt probiere ich dann auch aus und lasse den Lemming am Gummiband meiner Kleiderschrank-Grenzen ziehen. (Auch das ist meist Herznähen: So schön! Will ich auch haben! Ob mir das steht/passt/an mir gefällt?)

Der Unterschied von der Nähnerd- zur Innenstadt-Mode? In den Innenstädten gibt es keine Alternativen zum derzeit Angesagten (ja, in Berlin, da gibt es andere Läden. Junge Designer. Second Hand-Shops. Hier in der Provinz ist so was sehr rar). Kaufkleidung setzt mir und meinem Ich enge Grenzen. Meine Nähwelt hat solche Grenzen nicht. Auf ihren Blogs zeigen die Nähbloggerinnen immer wieder, was alles möglich ist. Denn alles ist möglich. Ich freue mich immer wieder über die Vielfalt die ich im Näh-Web entdecke. All das könnte ich auch tragen. Wenn ich wollte. Wenn ich will, dann probiere ich mal etwas aus. Vielleicht ist das dann der Anstoß zu einer neuen Veränderung. Ich freu mich drauf.

 

Vernunft und Gefühl

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Wenn ich nähe, bin ich hin- und hergerissen zwischen Vernunft und Bauchgefühl. Leuchtend pinkfarbene Schlauchkleider und blaue Frisuren, wie unsere Nana sie trägt, liegen aber weit außerhalb meiner modischen Reichweite

Ich bin wie ein Seil, mit dem zwei Mannschaften tauziehen. Jede zieht in eine Richtung, so fest sie kann, und weil beide ungefähr gleich stark sind, ist der Wettkampf nie zuende. Ich hänge dazwischen fest. Beide Mannschaften füllen übrigens zahlreiche Nähblogs mit ihren Überlegungen. Die einen planen SWAPs (Sewing with a Plan), folgen dem Wardrobe Architect, durchdenken minimalistische Capsule Wardrobes, schneidern Wunschkleiderschränke, in denen alles zu allem passt und organisieren Style Alongs.

Die anderen nähen drauflos. Wilde Kreationen aus Waxprint, kunterbunte Blusen und Shirts aus diversen Kombistoffen, konsequente Retro-Garderoben, die in Berlin und Hamburg stylish wirken und in ländlichen Regionen zu Menschenaufläufen und Nachbarinnen-Herzinfarkten führen würden.

Mein Problem: Ich bin das Seil dazwischen. Ich sehe den Charme beider Mannschaften und ziehe mal auf der einen und mal auf der anderen Seite mit.

Eine Wortführerin der ersten Mannschaft war gerade wieder Sewing Galaxy, die dafür wirbt, die Kleider zu nähen, die zum eigenen Lebensstil passen und Nähpläne „auf Tauglichkeit“ zu prüfen. Das gilt sowohl für Schnitte – kein Cocktailkleid nähen, wenn man die Wochenenden am Fußballplatz verbringt – als auch für Farben und Muster. Ziel: Die selbstgenähten Kleider sollen zu dem passen, was schon im Schrank steckt. Das ist vernünftig, denn dann ziehe ich das Genähte auch an – regelmäßig, ohne verzweifelte Suche nach Kombipartnern und mit dem entspannten Gefühl stilistischer Sicherheit. Diese Mannschaft nenne ich Kopf-Näherinnen.

Als Mitglied der zweiten Mannschaft outet sich zum Beispiel Sophie, die auf Ada Spragg bloggt. Sie kokettiert damit, regelmäßig Kleidung zu nähen, die sie nicht trägt, die als Gesamtkunstwerk im Schrank hängt, ohne ausgeführt zu werden. Weil sie nicht passt – weder zu anderen Kleidungsstücken noch zu den Erfordernissen des Alltags. Sophie weiß um diese Schwäche und widersteht ihr nicht einmal halbherzig. Sie nähe so wie ein Teenager isst, so schreibt sie, der alles Mögliche in sich hineinstopft, wenn die Eltern mal übers Wochenende wegfahren. Gesund und bekömmlich ist so ein Verhalten nicht, vielmehr lustgesteuert und bestenfalls auch genießend. Wer so näht, kauft spontan und ohne Pläne die tollsten Musterstoffe und näht sich exotische Kleidungsstücke, die er vielleicht liebt, aber kaum trägt. Das sind die Herz-Näherinnen.

Für das Kopf-Nähen spricht der praktische Aspekt: Nähen und tragen sind dann zwei Seiten einer Medaille. Häufig näht der Kopf unifarbene Basic-Teile, die zu vielem passen und unauffällig sind. Zu meinen gern getragenen Kopf-Nähereien gehören der dunkelblaue Hollyburn-Rock, der schwarze Hosenrock, die blau-schwarze Bouclé-Jacke, die graue Veste Michelle.

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Gern getragene Basics: Hollyburn-Rock, Hosenrock, Veste Michelle, Bouclé-Jacke

Für das Herz-Nähen spricht Grundsätzliches. Nähen ist eine sinnliche Sache. Das Schwelgen in schönen Farben, spannenden Mustern und wundervoll anzufassenden Stoffen gehört einfach dazu. Wer sich das versagt, verpasst (zu) viel. Außerdem: Nur wer die eigenen Grenzen hin und wieder überschreitet, entwickelt sich weiter. Das gilt auch für Kleidung, die ja Ausdruck des eigenen Ich sein soll (spannende Gedanken dazu gibt’s zum Beispiel im kürzlich gehaltenen Vortrag von Meike alias Frau Crafteln). Ich muss neue Wege gehen, wenn ich neue Welten entdecken möchte. Und dazu gehört das Risiko, Irrwege und Sackgassen einzuschlagen.

Die Gefahr beim Kopf-Nähen: Zu viel Vernünftigkeit macht keinen Spaß, kann langweilig werden. Und Nähen ist schließlich mein Hobby, soll also Spaß machen. Weil Nähen meine Leidenschaft ist, ist es auch Selbstzweck. Bedarf also keiner Nützlichkeit. Sinn der Sache ist das Tun – das Tragen fertiger Kleider ist nur das Sahnehäubchen obendrauf.

Birgt das Herz-Nähen auch Gefahren? Der Verbrauch von Material und Zeit vielleicht, um Dinge herzustellen, die man hinterher nicht nutzt, sondern nur anhimmelt. Aber dieser Verbrauch ist keine Verschwendung – denn Nähen ist ja auch Selbstzweck. Und fast jeder Mensch hat Leidenschaften, die mehr Selbstzweck als nützlich sind: Figuren filzen, Decken häkeln, Fußballvereine unterstützen, Blumen ziehen, Zuckertortendekorationen formen, Tiffany-Objekte bauen, im Chor Lieder singen, sich im Yoga verrenken, in der Sauna schwitzen.

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Bunt und gewagt gemustert: das Koi-Kleid, mein neues Sommerkleid, der Waxprint-Rock

Zu meinen Herz-Nähereien gehören sicher das Koi-Kleid, der Waxprint-Rock, mein wildgemustertes Sommerkleid. Ob dies Irrwege sein werden oder neue Wege zu unbekannten Seiten meines Ichs, das weiß ich noch nicht. Bei anderen selbstgenähten Sachen bin ich schon sicher: sie haben mir geholfen, neue Seiten an mir zu entdecken. Das Kleid nach Butterick 5951 zum Beispiel. Ich hatte beim Nähen keine Ahnung ob ich so ein Kleid je tragen würde – und ich trage es. Gerne. Häufig. Mit wunderbarem Selbst-Gefühl.

Meist geht es mir also ganz gut, so hin- und hergerissen zwischen dem Kopf- und dem Herz-Nähen. Ich bin ein stabiles Seil. Für den Herbst habe ich mir vorgenommen, eine Mini“Kollektion“ zu schneidern, bei der nichts langweilig ist und alles zusammen passt. Auch Kopf und Herz sollen dann zusammenpassen. Mehr dazu bald.