Schnitt-Konstruktion: Die erste Bluse

Endlich Ferien – Zeit für Neues. Schon eine Weile will ich mich in Sachen Schnitttechnik weiterentwickeln. Denn ich denke immer häufiger, wenn ich neue Schnittmuster sehe: Das ist ja nur ein xy-Grundschnitt mit diesem oder jenem Detail. Muss ich dafür einen neuen Schnitt kaufen? Ich habe beschlossen, statt dessen auf Weiterbildung und Selbststudium zu setzen.

Zu Ferienbeginn habe ich erstmal die lokale Bücherei durchforstet und einige Bücher über Modedesign entdeckt. Darin finden sich ausführliche Listen über denkbare Ausschnittformen, Ärmel, Verschlüsse, Varianten von Hosen, Röcken, Mänteln – aus all diesen Versatzstücken kann man sich die tollsten Kleidungsstücke zusammenpuzzeln. Sogar das Skizzieren der Modelle wird erklärt. Das alles ist recht inspirierend. Nur der Schritt von all den Ideen zum Schnitt, der fehlt.

So viele Möglichkeiten in zwei Büchern
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Studieren kommt vor dem Konstruieren: Erst habe ich nochmal alle erreichbaren Bücher gewälzt

Also habe ich nach einigen Tagen des Zögerns in die gesammelte Weisheit von Guido Hofenbitzer investiert. „Schnittkonstruktion für Damenmode. Grundlagen“ und „Maßschnitte und Passform“ heißen die beiden Bände – Standardwerke der Nähkunst und für die meisten Nähnerds sicher altbekannt. Ich bin fasziniert von all dem Wissen und all den Möglichkeiten, die in diesen Büchern stecken. Hofenbitzer zeigt, wie man einen Grundschnitt erstellt und davon ausgehend alle möglichen Schnitte entwirft – inklusive zahlreicher Details und Varianten, zum Beispiel für Abnäher, Ärmelformen, Kragen.

Ich will das Vorgehen als erstes an einer Bluse testen, dem ersten Teil meiner geplanten kleinen Herbstkollektion. Aber weil bisher noch niemand Lust und Zeit hatte, mich für die Erstellung eines Grundschnitts gründlich zu vermessen, musste ich gleich zu Beginn eine Abkürzung einschlagen.

Testobjekt Bluse
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Ich habe den Ausschnitt etwas vergrößert und mit einem großen Teller eine wunderbare Rundung angezeichnet

Das Ziel: Eine Bluse mit vier Falten vorne und vier hinten im Taillenbereich, die nach oben und unten aufspringen (ähnlich wie das Modell Simplicity 7708, das das Beswingte Fräulein kürzlich gezeigt hat). Ein runder Tropfenausschnitt mit Knopf und Schlinge. Lange Ärmel mit breiten Manschetten, ebenfalls mit Schlingenverschluss.

Als Grundschnitt habe ich den schon öfter verwendeten vereinfachten Indécise-Schnitt benutzt.

1. Vorderteil und Rückenteil: Nach der Anleitung bei Hofenbitzer habe ich den Grundschnitt aufgeschnitten und zwei Falten mit je 1 cm Tiefe (also je 2 cm Mehrweite) eingebaut. Das Rückenteil habe ich genauso verändert.

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Ich habe den Grundschnitt quer an Taille und Brust auseinandergeschnitten und längs an den beiden Stellen, wo die Falten entstehen sollen
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Dann habe ich die Falten an der Taille um jeweils 2 cm aufgeschoben. Bis zur Saumkante habe ich die Mehrweite auf 1 cm reduziert, damit die Bluse an der Hüfte locker sitzt. Der Brustabnäher legt sich beim Verschieben von selbst zu. Dafür klafft es an der Seite in Taillenhöhe. Dadurch wird die Seitennaht insgesamt zu lang
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Die entstandene Überlänge habe ich an der seitlichen Saumkante hochgefaltet, so dass die Seite ihre ursprüngliche Länge wiederhat
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Dann habe ich die neue Form umrandet, die Saumkante schön abgerundet und die künftigen Falten eingezeichnet

 

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Der Ärmel wird ebenfalls aufgeschnitten und nach unten verbreitert – und außerdem leicht verlängert

2. Ärmel: Die Ärmel habe ich zunächst um die Breite der Manschette gekürzt (10 cm). Sie sollen an der Manschette bauschig fallen. Daher habe ich sie an drei Stellen aufgeschnitten und an der Unterkante je 3 cm Mehrweite zugegeben. Die Unterkante habe ich abgerundet und dabei um 1,5 cm verlängert, das soll laut Hofenbitzer für einen schönen Bauscheffekt sorgen.

schnitt manschette
Das wird die Manschette. Den ursprünglich konstruierten Schnitt habe ich an der Oberkante durch Einschneiden und Auseinanderschieben weiter gemacht und schließlich die neue Form unrandet.

Die Manschette habe ich ebenfalls nach Hofenbitzer konstruiert. Weil sie so breit ist (und mein Arm 10 cm über dem Handgelenk einen deutlich größeren Umfang hat als am Gelenk), habe ich sie nach oben hin durch Einschneiden und Auseinanderschieben weiter gemacht.

Der Schnitt ist damit fertig – jetzt gehts ans Nähen. Bereit liegt dafür ein Paisley-Stoff unbekannter Zusammensetzung in schönen Herbsttönen, recht leicht und wunderbar fließend. Die Manschette werde ich definitiv zuerst mal aus einem alten Bettlaken nähen, als Test. Ich bin sehr gespannt.

Weil wir derzeit ein Bad (in Eigenleistung) renovieren, kann das Nähen allerdings ein Weilchen dauern. Auf jeden Fall: Fortsetzung folgt.

stoffüberblick
Aus dem Stofflager schon  für meine Herbstkollektion bereitgelegt – von links: selbstüberfärbter Chambray für eine Culotte, zwei Jerseys, der Paisley-Stoff für die Bluse, ein Crepe für einen roten Hollyburn (viel weinroter als auf dem Foto) und ein Netzstoff, der farblich schön zu allem passt und mich ansonsten ratlos macht. Was tut man mit Netz?