Lady Skater fünf und Lektionen über Stoffe

image
Aus weichem Wollstrick stören mich die Achselfalten kaum.

Ein ungeplantes Zeitfenster am Sonntagnachmittag und der Wunsch nach einem schnellen, sicheren Näherfolg – mein neues Lady Skater-Kleid ist das Ergebnis einer solchen glücklichen Konstellation. Nachmittags zugeschnitten und bei der Tagesschau die letzten Fäden vernäht. Wunderbar unkompliziert.
Es ist bereits das fünfte Kleid nach diesem Schnitt und dasjenige, an dem ich bisher am wenigsten zu mäkeln habe.
Der Stoff ist ein schwarz-silbergrauer kleingemusterter Wollstrick, den ich letztes Jahr preiswert bei Buttinette bestellt habe: ziemlich dehnbar und weich und mit entsprechender Verzieh-Gefahr. Am Schnitt habe ich inzwischen ziemlich viel herumgebastelt: der hintere Rücken ist gekürzt (hilft gegen Falten im Hohlkreuz), das Rockteil um ein paar Zentimeter verlängert. Auf die Brustabnäher vom letzten Mal habe ich wegen des weichen Stoffes verzichtet. Ich habe beschlossen, dass ich mit den paar Falten an den Achseln leben kann. Außerdem habe ich die Ärmel nach der ersten Anprobe einen guten Zentimeter schmaler gemacht und den Ausschnitt für mehr Gemütlichkeit deutlich kleiner zugeschnitten als vorgesehen.

image
Gemütlich und winterwarm fühlt sich diese Variante des Lady Skaters an

Ich finde es lehrreich, meine Lady Skater nebeneinander zu stellen. Es lässt sich daran einiges über die Eigenschaften der verschiedenen Stoffe lernen. Und darüber, dass oft nicht der Schnitt Schuld ist, wenn ein Kleidungsstück nichts wird, sondern der Stoff.
Das Ur-Kleid aus labbrigem Viskosejersey hat direkt und ohne Umweg zum Fotografieren den Weg in den Kleidersack genommen. Der Stoff war zu weich, das Kleid zog sich deswegen beim Tragen immer mehr in die Länge und sah wie ein missratenes Nachthemd aus. Zu ersten Schnittanpassungen am hinteren Rücken hat das Modell allerdings getaugt.
Kleid zwei ist aus dunkelblauem Viskose-Romanit vom Roten Faden genäht (aber nicht fotografiert weil gerade im Waschzyklus des Hauses verschollen). Dieser Romanit ist ziemlich fest; entsprechend bilden sich besonders stabile (und mich störende) Falten an den Achseln. Der hintere Rücken ist immer noch ein bisschen lang. Der wenig dehnbare Stoff ließ sich trotz mehrerer Versuche nicht gut zum Bündchen nähen. Dieses bildet hartnäckige Falten, die sich nicht wegbügeln lassen. (Ja, der Bündchenstreifen war zu lang. Mit einem kürzeren Streifen zog sich der Halsausschnitt wie gerafft zusammen. Auch nicht besser.) Ärgerlich außerdem: Der Romanit fing an den Ärmelkanten schon nach dem zweiten Tragen an zu pillen. Trotzdem trage ich das Kleid gerne – vor allem wegen der unkomplizierten Farbe. Allerdings denke ich darüber nach, für den Frühling aus dem Kleid einen Rock zu machen. So wäre ich alle Probleme mit dem Oberteil los; ein dunkelblauer Rock geht immer und das Kleid könnte ich durch ein neues Exemplar aus einem anderen Stoff ersetzen.

image
Der weiche Strickstoff wellt sich und macht den Rock ziemlich lappig (links). Der feste Sweat ist nicht ganz so gemütlich, fällt aber deutlich schöner (rechts).

Kleid drei besteht aus petrolfarbenem weichem Strickstoff unbekannter Zusammensetzung – charakterlich das Gegenteil des Romanits der Vorgängerversion. Der Stoff wellte sich beim Nähen, vor allem an den Ärmeln und an der Taillennaht. Mit meiner neuen Maschine wäre die Verarbeitung vielleicht besser geworden – vor allem dank des Obertransportfußes – aber die gute alte Singer kam mit dem Strick einfach nicht klar. Dieses Kleid trage ich wegen der unschönen Wellennähte nur zuhause – am liebsten an ungemütlich kalten Sonntagen auf dem Sofa.
Kleid vier ist mein AnNäherung Würzburg-Vorbereitungskleid. Es sollte ein gemütlicher Überwurf fürs fränkische Nähwochenende werden. Ich habe es aus petrolfarbenem Sweat von Buttinette genäht. Dieser Stoff ist ziemlich fest und wenig dehnbar. Ich habe Brustabnäher eingebaut, um die lästigen Falten unter den Achseln loszuwerden. Das hat aber nur eingeschränkt funktioniert. Weil ich aus unerfindlichen Gründen die Teile ohne Nahtzugabe zugeschnitten habe, sitzt das Oberteil grenzwertig eng. Außerdem ist der Halsausschnitt hinten so tief geraten, dass es mir ohne Tuch schnell kühl wird im Kleid. Den Halsausschnitt habe ich bei diesem Exemplar mit einem Beleg versäubert, um das Bündchenproblem vom dunkelblauen Kleid zu umgehen. Das scheint mir eine gute Lösung zu sein. Erst auf den Fotos fällt mir auf, dass der Rock aus Sweat deutlich schöner fällt als aus Strick – da sieht er schnell lappig aus.

Meine Erkenntnisse aus all diesen Kleidern:
Bei festen Stoffen finde ich die Faltenbildung störend, bei weichem Strick kaum. Dafür fällt der Rock mit weichem Strick nicht so schön. Da muss man Prioritäten setzen.
Aber auf keinen Fall Viskose-Jersey benutzen.
Ein Brustabnäher macht die Sache nicht viel besser.
Bei wenig dehnbaren Stoffen würde ich am Halsausschnitt statt Bündchen immer einen Beleg nähen.

Fürs Frühjahr will ich ein Exemplar aus Baumwolljersey nähen. Vielleicht aus Piqué. Und ich bin mal gespannt, wie sich der Schnitt damit benimmt.

Noch viel mehr über Näherfahrungen, sehr und vielleicht auch mal weniger gelungene, findet ihr wie jede Woche hier beim MeMadeMittwoch.

Advertisements

19 Gedanken zu “Lady Skater fünf und Lektionen über Stoffe

  1. Sandra Sonnenburg 21. Januar 2016 / 8:47

    Das ist ja worklich spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Stoffe ausfallen. Danke für deine Analyse! Obwohl sie mir auch ein bisschen Angst macht, zum falschen Stoff zu greifen und Misserfolge zu produzieren. Bisher habe ich allerdings kaum einen Schnitt mehrfach genåht, so kann ich evtl Mängel auch gut auf den Schnitt schieben 🙂
    Anhand der Fotos hätte ich das petrolfarbene Kleid favorisiert. Dass es so sclecht geworden ist, sieht man ihm gar nicht an, und die Farbe steht dir gut! (Ich hätte 2m Leinen in petrolgrün abzugeben, farblich für mich ein Fehlgriff, vielleicht hast du ja Interesse? )

    Gefällt mir

  2. musicnsun 20. Januar 2016 / 20:30

    Dein Kleid sieht wirklich bequem aus. Die Erfahrung, dass je nach Stoff ein Schnitt unterschiedlich ist, hab ich auch schon gemacht.
    Liebe Grüße ins Saarland 🙂
    Eva

    Gefällt mir

    • couseuse 20. Januar 2016 / 22:22

      nanu, eva. hast du einen neuen blog? oder einen zweitblog?
      auf jeden fall freu ich mich, von dir zu lesen. grüße in die pfalz!

      Gefällt mir

      • musicnsun 21. Januar 2016 / 19:53

        Hey. Ich hab mich mal bei wordpress angemeldt, doch wie ich da wieder rauskomme weiß ich nicht 😀 Technik und so 🙂

        Gefällt mir

  3. Dodosbeads 20. Januar 2016 / 20:27

    Super Deine Analyse. Mein Favorit ist übrigens das petrolfarbene. Das steht dir sehr sehr gut. Ich kann aufgrund leidiger eigener Erfahrungen noch hinzufügen, dass mancher Viskosejersey sich so zieht, dass die Taillenlinie plötzlich auf der Hüfte sitzt…
    LG Dodo

    Gefällt mir

  4. kuestensocke 20. Januar 2016 / 17:17

    Neben Wiebke machst auch Du also eine wissenschaftliche Testreihe – Schnitte und Stoffe und ihr zusammenwirken. Sehr interessant zu lesen. Das Ladyskater wurde ja wirklich viel genäht und auch breit gelobt – da scheint wirklich viel am Stoff zu liegen. Dein schwarz-grau-silber Kleid sieht jedenfalls sehr schön aus. Der zurückhaltende Stoff ruft nun geradezu nach Schmuck, farbigen Strumpfhosen und/oder Schuhen oder einem bunten Tuch. Vielleicht auch ein buntes Jäckchen, dann sind die Fältchen am Arm gänzlich unsichtbar 😉 LG Kuestensocke

    Gefällt mir

  5. MaxLau 20. Januar 2016 / 15:11

    Es ist immer wieder interessant, wie sich der Stoff auf den Schnitt auswirkt. Vielen Dank für deine Zusammenfassung.
    Dein graues Wollstrickkleid gefällt mir übrigens ausgesprochen gut.
    LG Martina

    Gefällt mir

  6. SaSa 20. Januar 2016 / 14:23

    Deine Lady Skater finde ich alle sehr schön und tragbar. Der Wollstrick ist ja genau das Richtige für das aktuelle Wetter! Mir gefällt auch die Ausschnittvariante. Für den Sommer habe ich übrigens eine kurzärmelige Version aus hochvertigem Viskosejersey, die finde ich auch gut!
    Ganz liebe Grüße, SaSa

    Gefällt mir

  7. nadelbernd 20. Januar 2016 / 13:42

    Toller Bericht und ein weiterer Pluspunkt für die eigentlich meiner Faulheit geschuldeten Schnittmehrfach-Näherei! Liebe Grüsse, Nadine

    Gefällt mir

  8. tinkerkwieny 20. Januar 2016 / 11:25

    Huhu, beim lesen fing ich schon an zu denken. Wie wäre es wohl zwei Stoffqualitäten zu vereinen? Mache ich generell gerne. Toller informativer Post. Und auch der Schnitt gefällt mir.
    LG tinkerkwieny ♥

    Gefällt mir

  9. .meike 20. Januar 2016 / 10:25

    Ups, ich glaube, ich habe gerade mit dem falschen Account kommentiert und das, wo ich immer zu faul bin „Viele Grüße Meike“ zu schreiben.

    Gefällt mir

  10. .meike 20. Januar 2016 / 10:16

    Vielen Dank für deinen ausführlichen und sehr interessanten Post. Das ist auch meine Erfahrung, dass die Stoffwahl eine entscheidende Rolle spielt (einer der Gründe, warum ich so gerne im Stoffladen arbeite und den Kundinnen bei der Auswahl gerne helfe). Einen Schnitt aus mehreren verschiedene Stoffen zu nähen, hat ja nicht nur den Vorteil, dass frau das Verhalten der Stoffe besser kennenlernt, sondern auch herausfinden, was sich am besten anfühlt und zum Leben passt. So eine Vergleichszusammenstellung ist dann wunderbar hilfreich…. Ab gesehen, davon, dass ich den Schnitt mag und an dir in den verschiedenen Versionen sehr hübsch finde.

    Gefällt mir

  11. Susanne Dienstag 20. Januar 2016 / 10:10

    Ja, ich finde auch, dass der Stoff erheblich zu einem guten Nähergebnis beiträgt und bin immer dankbar, wenn ein Schnitt Stoffempfehlungen enthält, an denen man sich orientieren kann.
    Dein dunkelgraues Strickkleid gefällt mir gut; einen halsnahen Ausschnitt mag ich selbst sehr gern; ich ändere Schnittmuster oft dahingehend ab.
    LG von Susanne

    Gefällt mir

  12. Fröbelina 20. Januar 2016 / 10:09

    Danke für den Erfahrungsbericht! 🙂 Mir gefällt tatsächlich das blaue Kleid am besten und mir juckt es in den Fingern genau so eins auch zu machen 😉
    Liebe Grüße
    Katharina

    Gefällt mir

  13. Ani Lorak 20. Januar 2016 / 8:57

    Hallo. Auch ich danke für die Ausführungen. Oft ist man geneigt, dem Schnitt die Schuld zu geben oder der wenigen guten Nähmaschine. Interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Stoffe sich verhalten. Das Kleid steht Dir gut, die Nr. 4 aus Sweat gefällt mir sehr gut. Stoffe liegen hier und auch einige Kleiderschnitte und ich werde mich mal ans Testen begeben. Irgendwann…wenn der Nähtisch wieder freigeräumt… Lieben Gruß

    Gefällt mir

  14. mit heisser nadel 20. Januar 2016 / 8:48

    Was für eine ausführliche Analyse! Wow. So nebeneinander gestellt, lernt man wirklich total viel. Den grauen neuen finde ich mit dem hochgeschlossenen Ausschnitt sehr schön. So lassen sich die derzeitigen Wintertemperaturen gut überstehen.
    Viele Grüße,
    Katharina

    Gefällt mir

Ich freue mich sehr über Deinen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s