WKSA 2915: Nicht fertig, aber zufrieden

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Weihnachtsjacke mit Alltagsjeans. Der Reißverschluss leuchtet in Wirklichkeit zum Glück nicht ganz so sehr.

Ganz durcheinander gewirbelt wurde meine Vorweihnachtsvorbereitung letzte Woche – da konnte ich nämlich zusammen mit zwei Kollegen die Patenschaft für eine Gruppe von sieben jungen Männern aus Syrien übernehmen. Frisch aus dem Erstaufnahmelager in unsere Gemeinde verteilt hatten die sieben und ihre Paten viele Herausforderungen zu überwinden. Klamotten besorgen, zahlreiche Ämtergänge erledigen, die ersten Sätze auf Deutsch lernen. Mein geplantes Weihnachts-Culotte-Kostüm ist dabei ein bisschen in den Hintergrund getreten. Aber fertig geworden wäre ich wahrscheinlich sowieso nicht.

Also präsentiere ich heute nur die Weihnachtsculotte, die ja schon seit zwei Wochen fertig ist, und die am Wochenende fertig gestellte Ex-Probejacke (Cordova von Sewaholic), die sich im Laufe des Nähens zum ersten „echten“ Exemplar gemausert hat.

imageRückblick: Die Culotte ist nach einem bewährten Schnitt genäht, sitzt, passt, gefällt und macht sicher nicht nur das Weihnachtsmenü, sondern auch den Verdauungsspaziergang bequem mit.

Die Jacke zur Culotte aus dem passenden schwarz-weißen Stoffe habe ich nicht geschafft. Dafür habe ich den Cordova-Schnitt während der Anpassung meiner Probejacke gleich mit geändert, so dass ich die Kostümjacke nun relativ unaufwändig nähen kann. Hoffentlich noch in den Weihnachtsferien.

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Mit „Doppelpeplum“ hat die Jacke etwas Besonders, das mir gut gefällt

 

Die ehemalige Probejacke ist ein wunderbares Kombi-Teil. Sie passt zu Jeans, zu schwarzen Hosen, zu meinem schwarzen Hosenrock, zu Shirts in schwarz, marine, mittelblau, pink, lila, weiß, grau… nur zur Weihnachtsculotte passt sie nicht. Mit der Passform bin ich nach einigen Änderungen nun sehr zufrieden. Nach all den hilfreichen Kommentaren der Mitnäherinnen beim letzten WKSA-Treffen habe ich die Ärmel wieder rausgetrennt und an den Schultern gut 1,5 cm weggenommen. Schulterpolster habe ich getestet, aber verworfen, das war zu viel des Guten. Außerdem habe ich die Jacke an den Seiten, in der vorderen und der hinteren Mitte enger gemacht. So sitzt sie ziemlich körpernah – gerade zu der weiten Culotte passt das gut. Der kupferfarbene Reißverschluss harmoniert mit den kupfernen Fäden im Stoff – ein Detail das mir sehr gut gefällt. Gefüttert ist die Jacke mit himbeersorbetfarbenem Acetat, das ein angenehmes Tragegefühl gibt und das An- und Ausziehen sehr angenehm macht.

Fürs Foto habe ich die Jacke und die Culotte zusammen angezogen, obwohl die beiden Teile farblich überhaupt nicht harmonieren. Ich wollte die gemeinsame Silouette schon mal zeigen. Und damit die Farben nicht so stören, serviere ich Schwarz-Weiß-Fotos.

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Jacke mit Hose – ein Vorgeschmack auf das fertige Culotte-Kostüm

Meine Bilanz des WKSA 2015: eine schöne Culotte, eine schöne Jacke und ein fertig angepasster Jackenschnitt, der auf das zweite Exemplar schon wartet. Gar nicht so übel, ich bin zufrieden mit mir.

Mein großer Dank geht an die Organisatorinnen – dieses gemeinsame Nähevent mit den vielen netten Mitnäherinnen hat mir viel Spaß gemacht. Und ich fange schon mal langsam an, mir über mein Weihnachtskleid 2016 Gedanken zu machen.

Retro-Culotte ganz alltagstauglich

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Die Culotte ist ein Schein-Kellerfaltenrock. Und sehr bequem

Mit Culotte bin ich heute am MeMadeMittwoch unterwegs – einem schwarzen Modell aus den 40er Jahren, dessen Schnitt Parva Sed Apta schon vor längerem veröffentlicht hat. Die Culotte sieht aus wie ein Rock mit Kellerfalte – ganz anders als die derzeit modernen Hosenröcke, die eher an eine 7/8tel-Marlenehose erinnern. Meine Culotte ist aus relativ feinem schwarzem Wollstoff und trägt sich sehr gemütlich – wärmer als ein Rock und toleranter gegenüber Verrenkungen aller Art. Bei der obligatorischen MeMadeMittwoch-Fotosession mit meiner Tochter macht mir dieses Kleidungsstück immer Lust auf merkwürdige Posen…

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Bewegungsfreundlich ist der Hosenrock. 1942 war er als Radfahrkleidung gedacht

Genäht habe ich die Culotte vor gut einem Jahr und hier schon einmal genauer beschrieben.

imageSehr gerne kombiniere ich den Hosenrock mit Shirt und Strickjacke – geht immer und sieht immer wieder anders aus. Meine türkische Kollegin hat mir heute morgen leicht irritiert erkärt, dass Culotte auf Türkisch „Unterhose“ bedeutet. Auf Französisch ist das auch so. Die französischen Näherinnen sprechen deswegen von „jupe culotte“, wenn sie Oberbekleidung nähen.

WKSA – Zwischenstand beim Culotte-Kostüm

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Die Culotte von allen Seiten. Mit hohen Schuhen und ein bisschen Bling-Bling kann man sie sicher weihnachtlich aufbretzeln
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Von innen ist die Culotte weihnachtsrot
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Mit Stiefeln wird die Culotte zum Jeden-Tag-Teil. Wärmer als ein Rock und besonderer als eine Jeans.

Große Fortschritte habe ich in den letzten zwei Wochen gemacht. Die Culotte ist fertig. Sitzt. Passt. Gefällt. Schön verarbeitet ist sie mit einem Bundbeleg in dunkelrotem Damast (gefärbte Uraltbettwäsche, jetzt heiß geliebt für Nähdetails), den ich für einen dramatischen Weihnachts-Effekt unten mit schwarzem Schrägband versäubert habe. Bei der Hosenlänge habe ich sehr geschwankt zwischen gerade kniebedeckend und 7/8-Länge. Am Ende, nach vielen Anproben und Fotos mit verschiedenem Schuhwerk, habe ich mich für die längere Version entschieden. Die wirkt, so finde ich, moderner und weniger altbacken.

Für die Cordova-Jacke habe ich erst mal viel gegrübelt. Denn im Netz sieht man relativ viele schlecht sitzende Cordova-Exemplare. Zum Glück gibt Sewaholic nicht nur eine Maßtabelle mit Körpermaßen an, sondern auch eine mit den Maßen des fertigen Kleidungsstücks.

Ich habe also meine gut sitzende Bouclé-Jacke vermessen – die entspricht exakt einer Größe 6. Nach meinen Körpermaßen hätte ich mindestens Größe 8 nähen müssen. Ich habe mich aber nach den Jackenmaßen für ein Probemodell in Gr. 6 entschieden (Supergefühl: so kleine Größen nähe ich sonst nur für die Tochter…). Und: Die Jacke passt. Sitzt. Wunderbar. Nur die Schultern muss ich ein bisschen schmaler machen. Mal sehen ob ich Lust habe, die Ärmel nochmal rauszutrennen… Auch an den Ärmeln zweifele ich noch ein bisschen. Sie sind durch die eingelegten Falten extrem puffig. Ich sehe zwar den Sinn (Sanduhr-Breite obenrum herstellen) – aber gewöhnungsbedürftig ist die Form dennoch.

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Probemodell der Cordova-Jacke. Der Reißverschluss fehlt noch, Säume und Futter auch. Der Zipfel an der hinteren Mitte ist normal und verschwindet, wenn die Belege angenäht werden

Weil es ein Probemodell ist, habe ich die Variante mit dem doppelten Schößchen genäht, obwohl ich die im Prinzip immer etwas merkwürdig fand. So ein Gewurschtel auf der Hüfte kann doch nix sein, oder? Aber ein Probemodell gibt eben die Freiheit zum Ausprobieren.

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Probejacke mit Fragezeichen: Doppelschößchen? Puffärmel?

Und ich finde das Ergebnis unerwartet gut. So dass ich jetzt ernsthaft überlege, ob ich die Kostümjacke zur Culotte nicht auch mit Doppelschößchen nähen soll. Was meint ihr? Ist das Doppelschößchen schmeichelhaft und cool oder eher schaurig und absonderlich?

Das Cordova-Probemodell besteht aus einem karierten Wollstoff aus meinem Lager: blau, pink, schwarz, ein bisschen grau, mit Metallfäden in Kupfer und Pink. Passt zu Jeans, zu schwarz, zu Dunkelblau – was will man mehr. Der Stoff ist struktuiert und etwas kratzig, aber für eine Jacke stört das nicht. Ich bin so zufrieden mit der Form, dass ich die Jacke vom Probe- zum Erstmodell befördert habe und sie ordentlich und tragbar zuende bringen will. Also warte ich auf den bestellten Reißverschluss (schwarz mit kupferfarbener Spirale) und habe am Ende des WKSA hoffentlich eine Culotte und zwei Jacken fertig.

Auch die anderen WKSA-Näherinnen waren fleißig in den letzten Wochen. Wie weit sie mit ihren Kleidern sind, könnt ihr auf dem MeMadeMittwoch-Blog verfolgen.

 

Nähen für’s innere Gleichgewicht

Gegen Stress finde ich Patchwork fast so gut wie Yoga
Gegen Stress finde ich Patchwork fast so gut wie Yoga

Manchmal lassen wir uns auffressen – vom Frust über Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben, vom Ärger über Menschen, die wir nicht ändern können, von Aufgaben, die uns nicht gut tun. Wir vergessen im alltäglichen Survival-Modus auf die Dinge zu achten, die eigentlich wichtig sind.

Kürzlich saß ich mit lieben Kolleginnen zusammen und wir sinnierten über diese Fragen. Und über die wirklich bedeutsamen Dinge. Ich habe mir an diesem Nachmittag vorgenommen, das Gleichgewicht in meinem Leben besser zu pflegen. Wie das gehen kann und was die bedeutsamen Dinge sind – das sind sehr persönliche Fragen. Zu meinen Antworten gehören diese: Öfter den Job neben den Kindern herlaufen lassen statt umgekehrt. Genug Zeit für mich selbst und mein inneres Gleichgewicht freihalten. Und das heisst auch: Nähen, ganz egal, wie groß der Bügelwäscheberg sein mag und wie staubig das Wohnzimmer.
Vor ein paar Tagen habe ich bei Louise ein ganz wunderbares Gleichnis gelesen das mir wie ein Echo auf mein Kolleginnen-Gespräch vorkommt.

Kurz übertragen geht die Geschichte so:

Ein alter Dozent einer französischen Elite-Hochschule hält einen Vortrag über Zeitmanagement. In einer Stunde soll er dem Führungsnachwuchs alles Wissenswerte über das Thema nahebringen. Er tut dies mit einem Experiment.
Der Dozent stellt einen riesigen Glaskrug auf den Tisch. Dann bringt er einen Haufen tennisballgroßer Steine zum Vorschein und legt sie nacheinander in den Krug. Als kein Stein mehr hineinpasst, fragt er seine Schüler: Ist der Krug nun voll? Ja!, rufen sie. Da holt er einen Eimer mit Kies unter dem Pult hervor, füllt die Kiesel in den Krug und schüttelt, bis sie sich in alle Hohlräume verteilt haben. Wieder fragt er: Ist der Krug nun voll? Nein, ruft einer besonders gewitzter unter seinen Schülern. Zufrieden stellt der Dozent einen Eimer mit Sand auf das Pult, schüttet ihn in den Krug und rüttelt vorsichtig, bis der Sand sich gut verteilt hat. Erneut fragt er: Ist der Krug voll? Nun sind sich alle Schüler einig: Nein, ist er nicht. Und der alte Herr nimmt die Wasserkaraffe vom Pult und gießt den Krug bis zum Rand mit Wasser voll. Dann fragt er: Welche große Wahrheit zeigt nun dieses Experiment? Ein eifriger Schüler antwortet ihm: Es zeigt, dass wir immer noch eine Lücke in unserem Zeitplan finden, dass wir immer noch etwas mehr arbeiten, ein paar Termine mehr einbauen können, wenn wir nur wollen.

Ganz falsch, antwortet der alte Dozent. Das Experiment zeigt uns dies: Wenn wir die dicken Steine nicht als erste in den Krug füllen, passen am Ende nicht alle von ihnen hinein.
Und, nach einem Moment nachdenklicher Stille, fährt er fort: welches sind nun die großen Steine in eurem Leben? Eure Familie? Ein Hobby? Für eine Sache eintreten? Sich entspannen und Spaß haben? Einen Traum verfolgen? Das sollt ihr lernen: ins Leben erst die großen Steine, die wichtigen, einfüllen. Sonst werdet ihr keinen Erfolg haben – mit eurem Leben. Wenn ihr den Nichtigkeiten – Kieseln und Sand – den Vorrang einräumt, werden sie euer Leben ausfüllen, und den wichtigen Dinge keinen Platz lassen. Das ist es also, was ihr euch fragen müsst: was für euch die wichtigen Dinge sind. Und diese müsst ihr dann zuerst in den Krug eures Lebens füllen.

So wenig ich oft mit Gleichnissen, Lebensweisheiten, Aphorismen und ähnlichen geflügelten Geschichten anfangen kann – diese hat mich berührt. Louise hat natürlich die Verbindung zum Nähen gezogen, für das sie sich Zeit nimmt, auch wenn 1000 andere Dinge anstehen. Das versuche ich auch. Und freue mich, wenn es klappt. Denn wenn ich erst mal ein Stündchen genäht habe, profitiert meine Familie hinterher von meinem entspannteren, zufriedeneren ich. Genauso, wenn ich mit lieben Freundinnen geplaudert oder mehr oder weniger große Gedanken für den Blog aufgeschrieben habe.

 

Bouclé-Jacke für jeden Tag

Die Bouclé-Jacke in dunkelblau trägt sich gemütlich wie eine Strickjacke.
Die Bouclé-Jacke in dunkelblau trägt sich gemütlich wie eine Strickjacke.

Meine erste selbstgenähte Bouclé-Jacke war ein altrosafarbener Alptraum, von meinem Mann abfällig „die Zahnarzt-Gattinnen-Jacke“ getauft. Nichts gegen die Ehefrauen von Zahnärzten, er dachte eher an jene föhngewellten Damen, die im Vorabend-Werbefernsehen mit ihrer angeheirateten Kompetenz diese oder jene Zahncreme anpreisen.

Die Zahnarzt-Gattinnen-Jacke ist längst in einer Kleidersammlung gelandet, aber eine Bouclé-Jacke wollte ich weiterhin besitzen. In Paris bei Sacré Coupons fiel mir dann dieser Stoff in die Hände: dunkelblau mit schwarz, ohne Glitzer, ganz locker gewebt – kein Risiko einer weiteren Vorabendwerbung-Jacke. Daraus habe ich letztes Jahr eine neue Alltags-Bouclé-Jacke genäht. Heute merke ich an dieser Jacke an vielen Details, wie ich mich nähtechnisch weiterentwickelt habe – denn einiges würde ich inzwischen anders machen. Dennoch trage ich die Jacke gerne.

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Die Jacke hat Schulterpassen und Prinzessnähte vorne und hinten, Zweinahtärmel und einen etwas merkwürdig geformten Stehkragen.

Ich wollte den lockeren Charakter des Stoffes bewahren und habe ihn deswegen nicht komplett mit Einlage versehen. Nur die Kanten sind, der besseren Verarbeitung wegen, mit Vlieseline bebügelt. Den Schnitt (Relikt aus meinen Näh-Anfängen: „Sylt“ von Schnittreif) habe ich mehr tailliert als vorgesehen – heute denke ich: auch an den Schultern hätte ich die Jacke noch schmaler machen können. Das ist ein typischer Fall von mit der Näh-Erfahrung zunehmendem Perfektionismus.

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Buntes Futter und Paspelknopflöcher – solche Verarbeitungsdetails machen mir Freude

Der Kragen ist eine merkwürdige Variante auf den im Schnitt angebotenen Stehkragen. Er gehört ebenfalls zu den Details, die ich heute anderes arbeiten würde. Ich nenne ihn wegen der zueinanderzeigenden Spitzen „Säbelzahntiger-Kragen“ und behaupte gegenüber strengen Beobachtern einfach: Das muss so sein.Das Futter ist ein wildgemusterter Coupon von Karstadt – noch so ein Fall von buntem Gute-Laune-Futter in einem eher nüchternen Kleidungsstück. Das mag ich. Besonders stolz bin ich auf die Paspelknopflöcher: meine ersten. Und dank der Anleitung meiner Nählehrerin Martina sind sie richtig gut geworden.

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Alltagstauglich ist die Jacke mit einem bunten Schal

Die Jacke trage ich vor allem im Winter gerne statt Strickjacke zur Jeans. Dazu ein schlichtes Shirt und ein buntes Tuch – ein einfaches und variables Outfit, das nicht viel Überlegung braucht und im Alltag nicht overdressed wirkt.

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Eine spezielle Stricktechnik, von der ich leider gar nichts verstehe, macht den Schal zum zackigen Drachenschwanz

Das Stricktuch, das ich heute zur Jacke trage ist übrigens wieder Mama-made: ein Drachenschwanz-Tuch in eigentümlicher Ringelstrickweise – ich mag es, weil es etwas Besonders, schön bunt und sehr gemütlich ist.

Was andere Näherinnen derzeit an selbstgemachter Kleidung tragen seht ihr hier bei der allwöchentlichen Parade des MeMadeMittwoch. Besonders sehenswert ist der selbstgemachte Frack von Gastbloggerin Ann-Sophie – sie legt die Latte wirklich hoch…