Der (Alp)traum vom Waschleder-Rock

Das Glanzstück meiner Herbstgarderobe wollte ich heute beim MeMadeMittwoch stolz präsentieren. Cool und kombinierbar und dabei was ganz Besonderes: Ich sah diesen Rock schon viele Wochen  im Kopfkleiderschrank hängen. Dunkelblaues, ganz weiches Waschleder, eine interessante, aber immer noch klassische Form – ein Lieblingsstück.

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Der Schnitt: eine schlichte A-Form mit einem Stück Tellerrock (Teil 2). Das Ensemble fand ich vielversprechend

Der Schnitt ist aus der Fashion Style 5/15 – sehr reizvoll, fand ich. Angesichts der großen Erwartungen habe ich mich besonders sorgfältig und liebevoll ans Werk gemacht. Zuerst den passenden Stoff bestellt („dehnbares Kunst-Veloursleder“): Ich bekam eine wunderbare Pfirsichoberfläche und das Flutsch- und Dehnverhalten von richtig fiesem Viskosejersey. Also habe ich zugeschnitten und genäht wie mit rohen Eiern, denn schließlich sollte der Rock ja ein Highlight werden. Extra noch dehnbaren Futterstoff gekauft, einen kräftigen Baumwollstoff für den inneren Beleg ausgewählt, damit der Bund nicht weiter werden kann, mit viel Liebe den nahtverdeckten Reißverschluss eingenäht… ihr kennt das, wenn man einfach alles besonders gut und richtig machen will.

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Gnädigerweise ohne Foto: ungefähr das war das erste Problem des Alptraumrockes

Und dann das: erste Anprobe. Selten hat ein Rock mein Hinterteil so unvorteilhaft bekleidet wie dieser. Der schrie regelrecht: Hier ist die Problemzone! Alle mal herschauen! Untragbar. Und was im Schnitt wie ein cooler asymmetrischer Saum aussieht, wirkte an mir wie ein groteskes Versehen.

Ich habe meinen Traum vom Waschlederrock nicht aufgegeben, sondern den Bund um gut zwölf Zentimeter gekürzt und oben auf Taillenweite verschmälert. Effekt: mehr Weite an den Oberschenkeln, eine bessere Silhouette. Habt ihr schon mal versucht, einen abgeschnittenen nahtverdeckten Reißverschluss neu einzufädeln? Nein? Ich erspare euch die Details. Aber ich habe es geschafft.

waschlederrock drei mal
Auf den Fotos sieht der Rock merkwürdigerweise nicht ganz so entsetzlich aus wie in Wirklichkeit. In der Realität habe ich beim Fotografieren auch nicht gelächelt

Trotzdem: Der schiefe Saum sieht weiterhin merkwürdig aus. In der neuen Version steht der Bund hinten ab – und wie. Der Rock klebt immer noch am Po. Durch den weichen Waschlederstoff zeichnet sich jede Falte des Futterrocks ab (wieso wirft dieser dämliche Futterrock Falten?). Die restlichen zehn Zentimeter Reißverschluss reichen nicht, um den Rock vernünftig anzuziehen. Der Ehemann zieht die Augenbrauen hoch und schüttelt stumm den Kopf. Sieht komisch aus, sagen die Kinder.

Der Bund steht ab. Trotz sorgfältier Anpassung. Und der Reißverschluss ist auch zu kurz
Der Bund steht ab. Trotz sorgfältier Anpassung. Und der Reißverschluss ist auch zu kurz

Einen kurzen Hoffnungsschimmer bringen die Fotos vom Desaster. Die sehen doch gar nicht so übel aus, oder?, frage ich in die Runde. Aber nein. Der Spiegel sagt weiter: Alptraumrock. Ich habe die Nase voll. Kein wunderbarer Key Piece-Waschlederrock für die Couseuse. Ich habe keine Lust, einen neuen RV einzunähen, den Bund anzupassen – bloß damit der Rock später immer noch brüllt „Hinterteil! Reiterhosen! Saum ganz schief!“ Schluss. Aus. Ende. Der Rock findet ein unwürdiges Ende. Ganz unten in der Schublade mit den Recycling-Klamotten.

Ich nähe jetzt einen Hollyburn. Aus Crepe. Wer trägt schon Kunstleder.

Dass andere Näherinnen in letzter Zeit erfolgreicher zugange waren als ich, seht ihr zum Glück, wie jede Woche, beim MeMadeMittwoch.

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18 Gedanken zu “Der (Alp)traum vom Waschleder-Rock

  1. mathildakr 9. September 2015 / 20:13

    Ich kenne das wenn etwas perfekt werden soll und wird dann Mist. Vielleicht nähst du zur Motivation als nächstes ein Schnitt den du kennst und garantiert gelingt und versucht danach das Schnittmuster noch mal aus einem anderen Stoff?
    Lg Mathilda

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    • couseuse 11. September 2015 / 17:31

      Ehrlich gesagt: ich glaube, von dem Schnittmuster bin ich geheilt. Jetzt erst mal was anderes, das gehe ich gleich an!
      Lg Almut

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  2. friedalene 9. September 2015 / 18:38

    Oh, das tut mir leid für dich. Aber ich glaube, wer länger näht, kennt diese Momente, wenn ein Projekt, das mit guten Ideen und Freude und Energie beginnt, total daneben geht. Ich habe letztes Jahr auch mit einem ähnlichen Stoff ein Kleid genäht und „obenrum“ hat das auch gut ausgesehen, aber ab Oberschenkel… Ich habe auch irgendwann aufgegeben und das Ding in die Tonne gesteckt

    Ich wünsche dir jetzt einfach mal gutes Gelingen und viel Freude mit deinem nächsten Projekt!

    Liebe Grüße
    Friedalene

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    • couseuse 9. September 2015 / 19:58

      Danke für das Mitgefühl und die guten Wünsche. Ich hab das Ganze eigentlich auch ganz gut verkraftet. Du hast recht: es gehört dazu. Und als nächstes näh ich zum Ausgleich etwas mit Geling-Garantie…
      lg Almut

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  3. SaSa 9. September 2015 / 16:03

    Ja, das sind die unschönen Momente des Nähens, wenn man so enttäuscht wird! Mit den entsprechenden Kurven muss ich auch zurecht kommen, deshalb kenne ich solche Momente auch zur Genüge. Ich war schon mehr als einmal drauf und dran, das Nähen zu lassen. Aber mit zunehmender Erfahrung habe ich akzeptiert, dass ich entweder andere Schnitte nähen oder den Schnitt ziemlich abwandeln muss. Bei diesem Schnitt würde ich ausprobieren, die Falten deutlich höher zu setzen, dass die entsprechende Wölbung 😉 schon durch den fallenden Stoff verdeckt wird. So habe ich es bei meinen Malvarosa Dresses gemacht. (Da hatte ich vorher auch so einen Moment des starken Bedauerns, es sah furchtbar traurig aus.) Vielleicht kannst Du es einfach ausprobieren, denn links hast Du ja noch Länge.
    Liebe Grüße, SaSa

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    • couseuse 9. September 2015 / 19:59

      Liebe SaSa,
      danke für die Idee – mal sehen, ob ich mich zu noch einer Änderung aufraffe. Derzeit glaube ich nicht. Aber ich finde es tröstlich, wie vielen Anderen es ähnlich geht – sogar mit den Wölbungen…
      lg Almut

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  4. Susanne Dienstag 9. September 2015 / 11:46

    Oh nein, wie schade. Glaube ich gern, dass du sehr enttäuscht bist, denn dein Nähplan hört sich für mich auch fantastisch an.
    Kopf hoch; ging mir auch schon so und ich finde es gut, dass du uns das Malheur trotzdem gezeigt hast.
    LG von Susanne

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  5. Julia 9. September 2015 / 11:40

    Ach wie schade. Wenn man sich so viel Mühe gibt und es dann einfach nicht so wird, wie im Kopf lange vorgestellt und erträumt. Also ich würde es erst mal liegen lassen und mit etwas Abstand noch mal anziehen und abwägen. Und wenn es gar nichts hilft, dann damit trösten, dass du bei diesem Projekt immerhin einiges an Erfahrung zum Materialverhalten dazu gelernt hast.

    Ich könnte mir vorstellen, dass es mit einem wirklich eng anliegenden Shirt oder Cardigan sehr viel besser aussieht. Da schließe ich mich Meike an, das gelbe Shirt passt gar nicht.

    Liebe Grüße
    Julia

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    • couseuse 9. September 2015 / 13:52

      Danke für den lieben Trost. Aber ich glaube, mit einem ganz engen Shirt ist es noch schlimmer… Ich denke inzwischen drüber nach, ein Shirt daraus zu machen. Denn es ist ja nix mehr zu verderben.
      LG Almut

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  6. Sandra 9. September 2015 / 11:30

    Schade aber auch, vor allem wenn mein Deine Mühen bedenkt.
    Aber dadurch lernen wir ja dazu…der Hollyburn wird sicher toll!
    Liebe Grüße
    Sandra

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  7. .meike 9. September 2015 / 10:46

    Mmmh schade! Schön finde ich es auch nicht und trotzdem denke ich, dass es auch hier einfach der Fall sein könnte „zu hohe Erwartungen“ in Kombination mit „extrem selbstkritischen Blick“. Ich reagiere einfach ziemlich allergisch auf Begriffe wie Problemzone und Reiterhosen, weil sie zwar ein mögliches Problem beschreiben, aber so furchtbar abwertend sind. Unsere Körper sind nun mal verschieden und das, was du beschreibst, klingt für mich einfach nach Figurdetails, die eine Frau eben hat und die in meinen Augen eine Frau schön machen, weil es eben geschwungene Linien ergibt. Jetzt kann es natürlich sein, dass dieser Rock wirklich misslungen ist und eben die schönen geschwungenen Linien nicht erzeugt, aber ich denke, er sollte wirklich mal 4 Wochen versteckt werden und dann ganz neu kombiniert noch mal fotografiert werden. Das gelbe Shirt dazu, geht nämlich gar nicht gut.

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    • couseuse 9. September 2015 / 13:57

      Du hast natürlich recht, dass man auch die Körperzonen würdigen sollte, die einem meist eher Stirnrunzeln hervorrufen. Ich könnte auch sagen: „die besondere Wölbung an der oberen Oberschenkelaußenseite, die sich bei Hosen oft so ungünstig bemerkbar macht“. Aber leider würde mein Verhältnis zu ebendiesen Wölbungen dadurch noch nicht deutlich verbessert. An dem „alles ok wie es ist“, das meine Yoga-Lehrerin uns immer vorbetet, habe ich an einigen Stellen noch etwas zu arbeiten. Gut, wenn man seine Entwicklungspotenziale kennt 😉
      Was man sicher sagen kann: dieser Schnitt mit diesem Stoff und meinen Figurdetails, das geht nicht. Mein erster Ausweg ist ein neuer Rock mit einem anderen Schnitt. Hollyburn verträgt sich bewährt gut mit meiner Figur, und dann sehe ich diese auch mit mehr Freundlichkeit…
      Danke für deine inspirierenden Worte und die Ermutigung und liebe Grüße
      Almut

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  8. Lucy 9. September 2015 / 9:57

    Oh wie schade! Ich finde das Material wirkt auf den Fotos ganz merkwürdig: als hättest du den Rock aus ganz dünnem Viskosejersey genäht. Wenn der Stoff etwas mehr Stand hätte, nicht so lappig fallen und nicht so an dir kleben würde, wäre der Rock nämlich gar nicht schlecht. Ich habe noch nie Kunstwaschleder vernäht, daher weiß ich nicht, ob sich das immer so verhält? Bei „Leder“ denkt man ja, das müsste etwas fester sein. Ein bißchen merkwürdig finde ich auch den Saum, nicht wegen der Asymmetrie an sich, sondern weil der Saum hinten rechts (wenn man draufschaut) am allerkürzesten ist. Das macht meiner Meinung nach den Eindruck des „Verschnittenen“ aus. Hinten überall gleichlang und vorne einseitig länger, das würde man als Asymmetrie akzeptieren, aber so…
    Aber die Analyse im Nachhinein nützt ja nun auch nichts mehr. Mehr Erfolg beim nächsten Mal! ich kenne das gut, wenn mann sich das Ergebnis so schön vorstellt und im Kopf schon alle möglichen Kombinationen durchprobiert, und dann wird es ein unvorteilhafter Sack… und Danke fürs Vorstellen trotz Alptraum, denn mit dem Schnitt habe ich auch schon liebäugelt, das überlege ich mir jetzt noch mal.

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    • couseuse 9. September 2015 / 14:00

      Ja, das Material ist wirklich sehr merkwürdig – es benimmt sich wie ein dünner, flutschiger Viskosejersey, fühlt sich aber ganz wunderbar samtig an. Ich habe mich auch schon gefragt, ob der Schnitt vielleicht einen festeren Stoff bräuchte. Aber ich habe derzeit wenig Lust auf das Experiment. Deine Überlegung zur Saumfrage finde ich sehr spannend. Dann müsste das geschwungene Rockteil anders geformt sein. Das zu testen klingt schon wieder reizvoll… Und ich wäre natürlich trotz meines Fehlschlags sehr neugierig, ob andere Näherinnen aus dem Schnitt was Vernünftiges machen können. Wer weiß? Ich warte interessiert, ob du dich an den Schnitt machst.
      LG Almut

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  9. Monika K. 9. September 2015 / 9:29

    Solche Reinfälle sind echt übel, vor allem, wenn man es mal besonders gut machen wollte!!

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  10. Frau Nähfreundins Tagebuch 9. September 2015 / 8:05

    Ach, ohje. Schade drum. Aber so , meine ganz ehrliche Meinung, kannst Du das wirklich nicht anziehen. Das einzige was man meines Erachtens jetzt noch machen kann wäre, den Rock nach unten zu verlängern, sprich z.B. eine Falbel anzunähen. Bräuchtest Du aber noch Stoff dafür…
    Oben kann man sich ja behelfen, und einen Pulli über den Bund hängen lassen.
    Unerfreulich….
    Liebe Grüße und das nächste Mal mehr Erfolg!
    Susan

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    • couseuse 9. September 2015 / 9:24

      Liebe Susan, jetzt muss ich erst mal googeln, was eine Falbel ist. Und dann kann ich mich freuen, wenigstens was Näherisches gelernt zu haben angesichts des Desaster-Rockes… Dass das nächste Stück besser wird, hoffe ich auch. Sonst muss ich Näh-Frust-Pause machen.
      Liebe Grüße
      Almut

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