Kleiderquilt – eine textile Familiengeschichte

Vor allem aus alten Kinderkleidern und Bettwäsche besteht mein erster Quilt
Vor allem aus alten Kinderkleidern und Bettwäsche besteht mein erster Quilt. Nur der Punktestoff der Umrandung ist extra gekauft

Neues Leben für alte Hemden ist derzeit an mindestens zwei Orten in der Blogosphäre gefragt. Gerade hat Suschna – Textile Geschichten im Rahmen der regelmäßigen Stoffspielerei Ideen zum Hemden-Upcycling gesammelt. Und Liaison widmet sich unter dem Motto „Altes Hemd, neues Gewand“ ebenfalls dem Herrenhemd. Mich bringt diese doppete Motivation dazu, mein erstes, inzwischen schon ein paar Jahre altes Patchwork-Projekt vorzuzeigen. Eine Decke, die vor allem aus alten Kleidungsstücken, schwerpunktmäßig Hemden, besteht. Ursprünglich war das ja eine der ganz wichtigen Daseinsberechtigungen von Patchwork: Aus nicht mehr verwendbaren Stoff- und Textilresten wärmende Decken herzustellen. Insofern bewege ich mich hier im Kern der Patchwork-Tradition.

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Ich habe alle Quadrate halb in Blau- und halb in Rottönen genäht.

Meine Textilquellen waren keine Herrenhemden, sondern Kinderkleidung. Zahlreiche Jungs-Hemden in Größen von 92 bis 122, zwei Mädchenblusen, eine Sommerhose, ein kurzer Rock – das meiste davon Erbstücke, die schon mehrere Besitzer gesehen hatten. Verarbeitet habe ich außerdem selbstgefärbte Damastbettwäsche (dunkelrot, zwei Türkistöne), Reste eines Ikea-Vorhangstoffs, karierte Kinderbettwäsche aus den 60ern, ein Stückchen Ikea-Samt in türkis und ein Stück Waschleder/Kunstfaster-Samt in Rot.

Patchwork ganz entspannt

Ihr merkt schon: Patchwork-Regeln wie „nur Baumwolle verarbeiten“, „die Stoffe sollen gleich schwer sein“ habe ich fröhlich ignoriert. Das Muster ist ein Log Cabin – relativ entspannt und Improv-mäßig ohne Angst vor schiefen Nähten ausgeführt. Rechte Winkel waren genausowenig ein Dogma wie der akkurate Verlauf von Streifen- und Karostoffen. Das hätte mich nähtechnisch damals total überfordert – und heute finde ich diese Unvollkommenheiten sehr charmant. Handarbeit eben.

Um zu dem Quilt zu kommen, habe ich zuerst Haufen von Jungs-Hemden und ein paar andere Kleidungsstücke „filetiert“, das heißt möglichst große zusammenhängende Stücke ohne Nähte daraus geschnitten. Kleidung zerschneiden, die völlig in Ordnung ist, finde ich bis heute problematisch. Aber bei Jungs-Hemden rechtfertige ich das mit einem verbreiteten Phänomen: Sehr viele Mamas und Omas kaufen ihrem Sohn/Enkel gerne mal ein Hemd, das dieser dann fast nie trägt. Wie neu wird es dann weitervererbt – über mehrere Stationen – und dabei genausowenig getragen. Irgendwann haben sich Hemden aus mindestens drei verschiedenen Erb-Strängen bei mir gesammelt, mein Sohn hat sie nicht getragen, kein anderer Junge wollte sie haben und bedürftige Flüchtlinge waren nicht in Sicht. Also habe ich eben filetiert.

Die Stoffstücke habe ich dann in einigermaßen gleichmäßige Streifen geschnitten und sie teilweise auch aneinander genäht – die blauen und die roten Farbtöne getrennt. Mit diesen Streifen habe ich dann die Log Cabin-Blöcke um die Samtquadrate (die nicht alle sehr quadratisch sind) genäht. Umrandet sind die Blöcke mit petrol gefärbter Damastbettwäsche und dunkelrot überfärbter karierter Kinderbettwäsche. Mit Reste-Streifen habe ich die Seiten dann noch breiter gemacht. Einzig der Punktestoff für die Umrandung ist gekauft.

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Die Quiltrückseite besteht aus Reststücken, vor allem aus Damastbettwäsche. Das Muster der Stoffe kommt durch das Färben noch besser zur Geltung

Das Quilting habe ich von Hand gemacht. Nicht aus übertriebenem Do it yourself-Ehrgeiz, sondern weil es mit meiner alten Nähmaschine einfach nicht geklappt hat. Eben, beim Fotografieren, habe ich gesehen, dass eine Quiltnaht beginnt, sich aufzulösen. Da muss ich nachher gleich mal reparieren.

Gefüllt ist der Quilt mit einem Standard-Polyestervlies von Karstadt. Das war eine Fehlentscheidung, über die ich mich heute richtig ärgere. Denn nachdem die Decke mal ein paar Monate im Wohnzimmer über einem Sessel hing, ist sie nun richtig platt gesessen. Vom alten Flausch-Faktor ist nichts mehr übrig, und auch eine Behandlung im Trockner hat dem Quilt kein Volumen zurückgebracht. Jetzt ist es ein Pfannkuchen-Quilt und ich habe mir geschworen, beim nächstenmal nur noch hochwertige Vliese fürs Innenleben zu verwenden.

Erinnerungen eingenäht

Trotz seiner Plattheit mag ich den Quilt gerne. Er wärmt mich an gemütlichen Winter-Sofa-Abenden, hat auch schon manche kalte Nacht auf einem Bett verbracht und (im Nachhinein: leider) monatelang auf einem Sessel das Wohnzimmer verschönert. Ich habe noch nach Jahren immer viel zu schauen, wenn mein Auge auf die Decke fällt. Dann erinnere mich mich wieder an den schönen geblümten Sommerrock, den meine Tochter gerne trug, an die rosa Bluse, die meine liebe Freundin Kerstin ihr vererbt hat und an das coole Hawai-Hemd, das ich immer toll und mein Sohn ganz schrecklich fand. Insofern ist dieser Quilt ein Stück textile Familienhistorie. Und er kann so platt werden wie er will: ich werde ihn in Ehren halten.

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Ein Gedanke zu “Kleiderquilt – eine textile Familiengeschichte

  1. Mila 6. September 2015 / 18:14

    Das ist so ein Schätzchen, dein Erinnerungsquilt. Wirklich ein Quilt im besten Sinne. Gerade das Nicht-Perfekte macht ihn so besonders. Ich hoffe, du hast noch lange, lange deine Freude an diesem Stück – und vielleicht wird es ja mal ein Erbstück für deine Kinder. LG mila

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