Wahrnehmungsfragen – der Waxprint-Rock

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Wildes Afrikamuster – dieser Rock schreit laut „hier bin ich“

Manchmal, wenn ich Selbstgenähtes trage, freue ich mich, wenn mich jemand anspricht. Jeder bekommt schließlich gerne Komplimente, Selbermacherinnen erst recht. Manchmal, wenn ich Selbstgenähtes trage, freue ich mich, wenn mich niemand anspricht. Dann, so denke ich, war meine Kleidung so professionell genäht, dass keiner auch nur gemerkt hat, dass ich selbst am Werke war. Und manchmal, wenn ich Selbstgenähtes trage, mache ich mir ein bisschen Sorgen, wenn mich niemand anspricht. Dann nämlich, wenn ich etwas trage, das laut schreit: Ich bin selbstgenäht!

Das sind Kleidungsstücke, die so ungewöhnlich sind, dass sie nicht aus einem Laden stammen können. Wenn dann keiner etwas sagt (und „das sieht interessant aus“ würde schon reichen), denn denke ich: die Klamotte muss so absonderlich sein, so schräg, dass einach keiner Gefahr laufen möchte, etwas Nettes sagen zu müssen (was wahrscheinlich nur Höflichkeit wäre).

 

Der Rock, der schreit
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Man munkelt, der Rock sei mit LSD-berauschten Dicken Bohnen verziert. Musterraten ist einfach immer wieder eine reizvolle Disziplin bei Waxprints

So ging es mir am Montag morgen, als ich zum ersten Mal meinen neuen Waxprint-Rock ausgeführt habe. Dieses Muster schreit schon aus 100 Metern Entfernung jedem morgenmüden Menschen zu: Hallo! Hier bin ich! Der Waxprint-Rock! Tapfer hat meine Umgebung das Geschrei des Kleidungsstückes ignoriert. Was soll ich davon halten?

Denn eigentlich finde ich ihn cool, meinen neuen Rock. Ich habe einen bewusst schlichten A-Schnitt ausgesucht, um so wenig wie möglich in dem Muster herumschneiden zu müssen. Nur zwei Abnäher hinten und eine hintere Mittelnaht, um den Reißverschluss unterzubringen. Und alles ist gut gegangen. Der Rock hat viele gute Gründe auf seiner Seite: Er passt. Er ist liebevoll gefüttert. Er besitzt einen perfekten nahtverdeckten Reißverschluss (kein Problem mehr mit meinem neuen Spezialfüßchen). Ich habe das wilde Muster erfolgreich kontrolliert – vor allem in der hinteren Mitte treffen die Motive, so finde ich, richtig gut aufeinander. Ich mag die Farben, ich mag das Muster. Aber trotzdem konnte ich eine leichte Verunsicherung nicht vermeiden.

Mein Selbstbewusstsein braucht Übung
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Auch im Dämmerlicht leuchten die berauschten Böhnchen. Und man sieht, dass mir die hintere Naht mustermäßig gelungen ist

Dennoch – oder gerade deswegen: als Training meines Näh-Selbstbewusstseins nämlich – ziehe ich den Wax-Rock heute am MeMadeMittwoch gleich wieder an. Die Damen in meinem Nähkurs sind mustermäßig – und mustergültig – abgebrüht. Mal sehen, ob sie was sagen zum Rock.

Wax-Rock in Kürze:
Schnitt: Simplicity 2/2013, Modell 29
Stoff: Waxprint angeblich belgischer Abstammung vom Saarbrücker Orientmarkt an Pfingsten, fünf Meter (ca. 1,10 m breit) für zehn Euro
Veränderungen: Ich habe den Rock in meinem Größenverlauf – 40 in der Taille auf 42 um die Hüften zugeschnitten und statt eines Beleges lieber meinen üblichen Bund angebaut (das ist der von der Marlenehose – Burda 8087). Sitzt besser.

Nun sind ja noch gute vier Meter wilder Print übrig. Ich liebäugele mit einer Jacke. Michelle wäre ein guter Schnitt – weil ohne alle Teilungsnähte.

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29 Gedanken zu “Wahrnehmungsfragen – der Waxprint-Rock

  1. SaSa 5. Juni 2015 / 12:14

    Deine Gedanken hatte ich genauso auch schon, habe sie mir nur nicht so bewusst gemacht! Den Rock finde ich wunderschön! Er sitzt noch dazu perfekt! Für mich ist es auch ein Sommerrock, den ich ohne Strümpfe tragen würde (bald!), dann bekommst Du sicher schöne Komplimente. Liebe Grüße, SaSa

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    • couseuse 7. Juni 2015 / 9:18

      Danke für das Kompliment – ich freue mich auch auf warme Ohne-Strümpfe-Tage!
      LG Almut

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  2. Teresa 5. Juni 2015 / 7:50

    Ich habe in den 70er Jahren nähen gelernt (Modeschule) und damals war ein Argument selber zu nähen hauptsächlich weil es billiger war als die Bekleidung sie man kaufen konnte. Jede Frau kannte eine Schneiderin die kostengünstig die Sachen aus den Auslagen nach genäht hat. Es wurde auch noch geändert und wiederverwertet. Das Ziel war immer ähnlich wie man es in der Auslage gesehen hatte aber doch ein bisserl anders. Und kostengünstiger.

    Der Preis der Bekleidung ist heute kein Argument mehr, so billig wie manchen Modeketten anbieten kann man ja gar nicht nähen. Heute kann das Argument selber zu nähen nur Individualität und Nachhaltigkeit sein. In diesem Sinn, Gott sei Danke schaut der Rock „anders“ aus! Also nur Mut!

    Ich würde den Rock auch sommerlich Interpretieren, ohne Strümpfe und mit T-Shirt.
    Liebe Grüße
    Teresa

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    • couseuse 7. Juni 2015 / 9:11

      Das sind interessante Gedanken – Individualität und Nachhaltigkeit, da schließe ich mich gerne an. Aber ich muss gestehen: der Schnäppchenfuchs in mir freut sich auch sehr, wenn ich etwas nähe, was ich so ähnlich (weniger gut passend) und mega-teuer in einem Katalog gesehen habe. Das ist ein Grund, warum ich Boden-Kataloge mag: vieles finde ich hübsch und in 99% der Fälle denke ich: das kann ich selber machen. Passender. Und preiswerter!
      Lg Almut

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  3. Dreikah 4. Juni 2015 / 8:12

    Das hast du wunderbar beschrieben und ich gebe dir vollkommen Recht. 2 Sachen kommen aber noch dazu. Erstens die eigene Verfassung, manchmal ist es mir sehr egal, ob was auffällt oder nicht, es geht mir gut und ich fühle mich eh sicher. Zweitens die Umgebung. Wenn viele Menschn in meiner Umgebung individuelle Kleidung tragen und damit meine ich nicht nur Selbstgenähten sondern weg vom grauen Mainstream, dann wage ich auch eher auffälligere Farben und Muster.
    Auch wenn du Meister er schreit manchmal, ich finde diesen Rock sehr schön. Zudem bevölkern diese afrikanischen Primats immer mehr die Laufstegs, Geschäfte und Straßen. Du bist also voll im Trend 😉
    LG karin

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    • couseuse 7. Juni 2015 / 9:21

      Da hast du sicher recht. Allerdings gibt es hier in der Provinz nicht besonders viele Leute, die, wie du schreibst, individuelle Kleidung tragen. Wilde bunte Muster sieht man vor allem an älteren Damen in Form von XXXL-Blumen-Shirts. Das Straßenbild in Saarbrücken ist schon anders als in einer „richtigen Großstadt“. Aber weil das noch kein Grund für einen Umzug ist, mache ich es so, wie du schon andeutest und nehme, je nach Tagesform, mehr oder weniger schreiene selbstgenähte Kleidung aus dem Schrank.
      LG Almut

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  4. Julia 3. Juni 2015 / 20:01

    Ich finde den Rock gar nicht so auffällig. Sehr hübsch und stimmig finde ich ihn und gut kombiniert.
    Ob die Leute einen ansprechen, hängt doch von Leuten und Umgebung und Umstand ab. Zumindest bei mir ist das so, denn ich werde nur auf meine Sachen angesprochen, wenn ich beim Metzger oder beim Bäcker anstehe 😉
    Liebe Grüße
    Julia

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    • couseuse 7. Juni 2015 / 9:22

      Das ist ja interessant – bei uns geht meistens mein Mann zum Bäcker… und danke für die lieben Worte über den Rock!
      Lg Almut

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  5. doro 3. Juni 2015 / 15:40

    Waxprints sind einfach die Bombe und das ist ein sehr schöner Sommerrock geworden! Mit steigende n Temperaturen wirst du sicher noch auf das schöne Stück angesprochen werden. LG Doro

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  6. Prinzenrolle 3. Juni 2015 / 14:10

    Toller Rock! Hab viel Spaß daran!
    Mich hat man bei ausgefallenen Kleidungsstücken noch nie gefragt, ob ich selbst nähe – eher schon, welche Shopping-Quellen ich wohl habe. Auch nett, oder?

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    • couseuse 3. Juni 2015 / 14:27

      Das stimmt – das ist ab jetzt die Bemerkung, auf die ich warte!
      Lg Almut

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  7. .meike 3. Juni 2015 / 13:29

    Danke für das Teilen deiner Gedanken. Nach meiner Erfahrung gibt es solche und solche Tage. An den einen Tagen, bekommt frau mehr Feedback über die Kleidung, an anderen weniger. Das liegt manchmal auch daran, wenn ich selbst so in Gedanken bin und kaum Kontakt zu anderen aufnehmen mag, dann spricht mich auch keiner an. Allerdings würde ich an solchen Tagen auch nicht so einen auffälligen Rock anziehen. Aber für die Tage, an denen es einen besonderen Kick braucht, an denen frau mit dem rechten Bein aufgestanden ist, ist so ein besonderer Rock doch etwas unglaublich Tolles!

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    • couseuse 3. Juni 2015 / 13:50

      Der Gedanke an ein Kleidungstück für „Kick-Tage“ gefällt mir richtig gut. Da hast du natürlich recht: Für Graue-Maus-Tage ist so ein Rock nichts. An dieser Idee – Maus vs Kick – entlang könnte man geradezu den Kleiderschrank durchsortieren… Wobei, wenn ich mir deine Outfits so anschaue, ich nicht den Eindruck habe, du könntest je Graue-Maus-Tage haben. (Oder wir posten an solchen Tagen eben nicht. Auch nicht so unwahrscheinlich. Das wäre für alle Leser ja langweilig).
      Lg von Almut (die immer gerne auf crafteln liest)

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  8. kuestensocke 3. Juni 2015 / 12:46

    Was für ein toller Post! Dein GEdanken kann ich nachvollziehen, manchmal möchte man angesprochen werden, manchmal lieber nicht. Bei Deinem tollen Rock verhält es sich vermutlich etwas anders, es traut sich niemand dich anzusprechen, weil man denkt so ein toller Rock ist ein Stück aus einer Desinger-Kollektion, den sich normale Menschen wohl nicht leisten können.
    Ich finde Rock großartig! Trag ihn ganz oft! LG Kuestensocke

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    • couseuse 3. Juni 2015 / 13:46

      Wow, danke für so viel Ermutigung! Jetzt bin ich ganz sprachlos. Und werde beim nächsten Ausführen des Rockes sicher – gerne! – an deine Einschätzung denken.
      lg Almut

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  9. Susanne Daniels 3. Juni 2015 / 9:31

    Doch der Rock ist toll. Allerdings fände ich ihn ohne Strümpfe und mit Shirt kombiniert hübscher. Waxprints sind für mich Sommerstoffe, dich ich eher sommerlich kombinieren würde.
    LG von Susanne

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    • couseuse 3. Juni 2015 / 13:45

      … danke für die Gedanken zum Kombinieren. Ich hatte, glaube ich, am Montag auch ein großes Sommerbedürfnis. Und das „was unterm Rock drunter tragen“ ist bei mir immer wieder eine große Frage. Dunkle Strümpfe sind wirklich schwierig. Hautfarbene finde ich aber eigentlich auch nicht schön. Eine Freundin sagt: Leggins. Aber mein Mann schreit dann gequält: willst du etwa so in die Schule gehen??? Also freue ich mich auf den Sommer, wenn ich ohne Strümpfe gehe und die Frage sich nicht mehr stellt…
      lg Almut

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  10. griselda 3. Juni 2015 / 9:03

    Ja, der Rock ist völlig stimmig.
    Ich würde ihn nur mit einem anderen entweder sehr schlichten oder sehr ausgefallenen Oberteil kombinieren. Aber das fällt die nächsten warmen Monate ja hoffentlich auch leichter.

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  11. Julia 3. Juni 2015 / 8:58

    Ich finde den Rock auch ganz toll. Und am meisten Probleme habe ich mit dem Aussage „Das sieht ja interessant aus“. Denn mein Französischlehrer früher sagte immer, dass ‚interessant‘ das Adjektiv ist, das man wählt, wenn man nichts negatives sagen will, aber auch nichts positives sagen kann. Ich find den Rock Bombe. Und das Herausstechen aus der Masse ist für mich ein Grund, warum ich nähe.

    Nur Mut!

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    • couseuse 3. Juni 2015 / 13:43

      …mit dem „interessant“ hast du recht – oft benutze ich das selbst so, wenn ich mich nicht positionieren will oder kann. Deinen Kommentar überdenkend frage ich mich gerade: will ich, indem ich nähe, aus der Masse herausstechen? Und ich bin mir nicht so sicher. Ein bisschen vielleicht? Interessante Frage – danke, dass du sie aufgeworfen hast (und natürlich für das „Bombe“-Kompliment – freut mich!)
      lg Almut

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  12. Monika Schumacher 3. Juni 2015 / 8:49

    Dein Rock ist klasse!!!
    Und in Deinen Gedanken über selbstgenähte Kleidungsstücke sprichst Du mir aus der Seele.
    Genau so, ganz genau so denke ich auch.
    Schön, dass ich damit nicht alleine bin.
    Viele Grüße
    Monika

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    • couseuse 3. Juni 2015 / 13:41

      Wie schön – gleich Denkende zu treffen ist doch ein großer Vorteil all dieser Internet-Aktivitäten. Mir gehts genauso: schön, nicht allein zu sein – mit seinen Gedanken, seinen Vorlieben, seinen Fragen und Zweifeln! Heute sehr gutgelaunte Grüße,
      Almut

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  13. blaupause7 3. Juni 2015 / 7:47

    Den Rock finde ich toll – von mir bekommst Du schon mal ein dickes Kompliment.

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