Spring Style Along – der Plan

Was will ich? Das ist heute die Frage beim Spring Style Along von Alex – Handmade glamour. Everyday. Ich habe einen ziemlich präzisen Plan – nur werde ich es sicher nicht schaffen, alle geplanten Teile zu nähen. Das macht aber nichts.

Jacken

Die kurze Jacke mit Perlenstickerei soll ein Kleid begleiten, der rote Blazer (Burda) klassische Jeden-Tag-Outfits aufpeppen

Ich wünsche mir einen handgenähten und verzierten Bolero als festliche Ergänzung zu einem Sommerkleid – zu tragen bei einer Kommunionsfeier Ende April.

Stand: Das Probeteil (nach einem ganz schlichten Schnitt von Alabam Chanin) ist genäht und ausprobiert. Die Ärmel sind etwas schmal zum Drüberziehen. Und etwas weniger kurz wäre vielleicht auch besser. Der Stoff (creme und eisblau) liegt schon bereit. Perlen auch.

Lust hätte ich auch, eine Blazer-artige Jacke zu nähen. Am liebsten in rot oder petrol. Derzeit gefällt mir dieses Burda-Modell (106A-082013-DL). Aber das schaffe ich zeitlich im Frühling wahrscheinlich nicht mehr.

Hosen und Kleider

Eine dunkelblaue Hose passt zu allem. Den Butterick-Kleiderschnitt habe ich erst kürzlich entdeckt

Ich habe gerade richtig Lust aufs Hosennähen. Ausprobieren möchte ich zuerst Claude von République du Chiffon. Der Schnitt ist nicht neu, mir aber gerade ein paar mal positiv aufgefallen, zum Beispiel bei „annexe dilettante“, „chocolat et vieilles dentelles“ und „Bee made“. Das Probeteil ist genäht und passt prima. Ob ich die karottige Form schmeichelhaft finde, weiß ich noch nicht. Deswegen will ich die „Echt-Hose“ einfach mal nähen. Als Stoff habe ich noch einen dunkelblauen, leicht stretchigen Twill im Schrank – das funktioniert hoffentlich gut.

Im Laufe des Jahres – aber sicher nicht mehr im Frühling – möchte ich auch gerne endlich eine Ginger-Jeans ausprobieren. Und die Thurlow Trousers von Sewaholic – der Schnitt liegt immerhin schon hier und ich könnte die Stoff- mit einer Schnittmuster-Diät verbinden. Egal welche zweite Hose es wird, hier muss ich sicher Stoff kaufen, denn an Stretch-Webware gibt mein Vorrat nicht viel her.

Das Kleid Butterick 6318 habe ich im Netz kürzlich irgendwo entdeckt. Ein Frühlingskleid mit Strickjacke für sonnige Tage soll es für mich werden. Aus meinem Lager fällt mir zu dem Schnitt der taubenblaugraue Pünktchenstoff ein, der schon seit mehreren Jahren auf Verarbeitung wartet. Allerdings habe ich nur zwei Meter und der Schnitt erfordert knapp drei. Mal schauen, ob ich das irgendwie hinkriege.

Oberteile

Geplant: Alma Blusen mit goldenen Punkten, roten Rosen und kleinen Blümchen

Ich lagere so viele schöne, gemusterte Baumwollstoffe für nette Sommeroberteile in meinem Stoffschrank, dass ich mich ernsthaft frage, wann ich die alle nähen und tragen soll. Der kleingemusterte weißgrundige Stoff mit türkis und rot (rechts im Bild) stammt vom Berliner Maybachufer-Markt. Eine ganz leicht gecrinkelte Viskose. Der pink-rot-geblümte Batist (Mitte) ist von Kaffe Fassett – eine ganz tolle, weiche Qualität. Der Stoff braucht einen Schnitt mit Geling-Garantie, weil ich ihn so wunderbar finde.

Für die allermeisten möglichen Oberteile gilt eines: sie brauchen ein schlichtes, unifarbenes Untendrunter. Davon habe ich eine ganze Reihe, meist in dunkelblau. Der Fake-Wickelrock für die Übergangszeit, der Leinen-Hollyburn und eine Kauf-Culotte wenn es warm wird.

Als erstes will ich den neuesten meiner Baumwoll-Blusen-Stoffe verarbeiten. Denn der liegt völlig außerhalb meines üblichen Schemas. Vielleicht finde ich ihn deswegen so spannend. Eine naturfarbene Webware mit goldenen Punkten von AnnaKaBazaar. Normalerweise lautet mein Prinzip: Naturfarben mag ich an mir nicht. Glitzer auf Klamotten geht gar nicht. Und Gold schon überhaupt nicht. Na also. Weil der Stoff für meine Verhältnisse also sehr innovativ ist, bleibe ich bei einem bewährten Schnitt und nähe eine Alma Bluse (Sewaholic). Die ist einfach sehr formschön.

Außerdem wünsche ich mir eine Bluse mit Matrosenkragen. Wahrscheinlich konstruiere ich den Kragen selbst und baue ihn an die Alma-Bluse dran.

Ein anderer reizvoller Schnitt, den ich gerade entdeckt habe ist „Cupidon“ des Schnittmusteranbieters „I am“- ein lockeres Pseudowickel-Oberteil mit Schalkragen. Das steht definitiv auch auf meiner Näh-Liste. Aber passenden Jersey müsste ich erst besorgen.

 

 

Das Shrug-Experiment oder: Danke, Mama!

Lady Skater mit zweifarbigem Experimental-Shrug

Heute bin ich am Me-Made-Mittwoch außerdem Mama-made unterwegs. Über das universelle Lady-Skater-Kleid habe ich ein sehr experimentelles Strickstück geworfen, das meine Mutter kürzlich für mich gestrickt hat.

I Von hinten hat das Stricksstück einen gestreiften Zipfelkragen

Das Strickstück ist ein „Shrug & More“ von Martina Behm, der sich nicht nur als Jäckchen trägt. Ich kann ihn auch auf verschiedene Weise um meinen Hals schlingen, Arme oder Kopf durch Löcher stecken – kurz: das Ding lädt ein zum amüsanten Selbstverknoten. Gemütlich ist es auf jeden Fall. Ich mag die Kombination aus interessanter Form und gekonnter Farbaufteilung und den kleinen Dreieckskragen hinten. Und es macht schön warm am Hals – genau richtig bei diesem Übergangswetter.

Ich finde es toll, was meine Mutter, die zwar schon seit Jahrzehnten eine passionierte Strickerin, aber noch nicht besonders lange auch routinierte Internet-Nutzerin ist, im WWW an Neuem auftut. Wolle kaufen, Ideen finden, Anleitungen herunterladen, Blogs durchstöbern… und die Nutznießerin bin meist ich. „Schau mal, was x oder y für eine schöne Jacke gepostet hat“, sagt sie dann. „Soll ich nicht vielleicht…?“ Immer gerne, Mama. Und vielen, vielen Dank.

Auf diese Weise besitze ich inzwischen eine ansehnliche Kollektion von Lace-Schals und -Tüchern, Strickjacken, Pullis und Shrugs. Die nächste Eiszeit kann kommen und ich erwarte sie in kunstvollem Mama-Strick.

Das Kleid, das ich heute trage, ist ein unspektakulärer Lady-Skater aus Romanit vom Roten Faden.  Das Dunkelblau mit leichtem Lila-Stich heißt dort „Blaubeere“. Ich habe den Schnitt schon aus einigen Stoffen genäht (hier mehr dazu) und finde diesen bisher am besten geeignet. Genau die richtige Mischung aus Standfestigkeit und Dehnbarkeit. Das macht das Kleid bequem und gibt einen schönen Fall.

Das ist ein gemütliches Outfit für Übergangstage

Näh-Bedarf fürs Frühjahr – Spring Style Along

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Bewährtes Frühlingsoutfit mit Bluse nach eigenem Schnitt – ein bisschen schick und nicht zu schräg

Schneeglöckchen blühen und die ersten Krokusse leuchten in der Wiese – die richtige Zeit, Nähpläne für den Frühling zu schmieden. Noch dazu hatte ich eine Woche Ferien, die To-Do-Liste ist rekordverdächtig abgearbeitet – da gehen die Gedanken neue Wege.

Den Anstoß hat SaSa gegeben, die in diesem Jahr bei Clothildes Näh-Projekt einer „garderobe capsule“ über das ganze Jahr mitmachen will. Das finde ich spannend, aber für mich derzeit zu langfristig. Außerdem habe ich seit einer Weile die Idee einer „Stoffdiät“ – also: Vorräte aufbrauchen statt neuer Stoffe kaufen – im Kopf. So streng wie Küstensocke, die die Stoffdiät als Gemeinschaftsaktion angestoßen hat, möchte ich dabei nicht mit mir sein – aber ein guter Vorsatz ist es allemal (und ich habe in den letzten Wochen schon drei Reste-Shirts für die Kinder genäht, außerdem einen Reste-Quilt fertiggestellt). Und jetzt treffe ich auch noch auf Alex‘ Neuauflage des Spring Style Along. Mit entspanntem Zeitplan. Und Anregungen zum reflektierten Nähen. Das ist genau das, was mir im Moment vorschwebt.

Starten will Alex mit einer Bestandsaufnahme. Was brauche ich? Eigentlich nichts. Das wird den meisten unter uns so gehen. Jede hat doch einen gut gefüllten Kleiderschrank. Wenn ich Nähprojekte plane, dann versuche ich zwar, gefühlte Lücken im Kleiderschrank zu füllen. Aber gleichzeitig bleibt Nähen als Hobby eben auch Selbstzweck. Also nähe ich auch Dinge, die ich nicht unbedingt brauche – wenn ich einen bestimmten Schnitt oder eine Silhouette ausprobieren möchte.

Bei meinen Frühlingsnähplänen treffen sich beide Motive.

Mein Alltag erfordert Kleidung, in der mich wohlfühle und in der ich mich bewegen kann. Besonders im Frühling gerne nach dem Zwiebelprinzip zusammengestellt, denn morgens ist mir oft kalt, aber wenn es wärmer wird, will ich nicht schwitzen. Ich brauch nichts Ausgeflipptes, nichts zu Enges, nichts zu Kurzes. „Schultauglich“ heißt das bei mir. Hosen und Röcke mit Shirts und Blusen, Kleider, Strickjacken, nicht zu formelle Drüberzieh-Jacken. Und ich liebe passende Schals, Strick- und andere Tücher dazu.

Konkreten Bedarf verursacht ein Event Ende April. Dann bin ich auf eine Kommunionsfeier eingeladen. Wenn das Wetter mitspielt, will ich eines meiner Sommerkleider tragen. Dazu hätte ich gern ein Drüberzieh-Teil, das schicker als eine Strickjacke ist und weniger formell als ein Blazer. Ich habe an einen Bolero gedacht. Vielleicht mit Reverse Appliqué nach Alabama Chanin.

Ansonsten möchte ich bei der Näh-Planung vor allem darauf achten, dass die neuen Teile zu denen passen, die ich habe und gerne trage. Also erst man einen Überblick verschaffen.

Hosen, Röcke, Kleider

Meine Frühlingsgarderobe enthält drei Kauf-Jeans (dunkelblau, mittelblau, grau) und eine marineblaue Marlene-Hose.

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Der Fake-Wickelrock braucht schicke Begleiter.

Als „Übergangs“Röcke hängen daneben eine Jupe Anemone aus graublauem Jeans und der dunkelblaue Fake-Wickelrock. Der rote Hollyburn ist ebenfalls frühlingstauglich, eventuell auch der dunkelblaue aus einem Wollmisch-Stoff.

Auch die beiden Waxprint-Röcke eignen sich für wärmere Frühlingstage, sind allerdings nicht gerade Kombinations-Wunder. Frühlingstauglich sind mit Strickjacke auch einige meiner Sommerkleider.

Insgesamt: Viel blau, viel uni – gute Voraussetzungen für die vorhandenen und geplanten gemusterten Oberteile.

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Jacke Michelle (République du chiffon) aus grauem Jeans, darunter meine Eiffelturm-Bluse

Oberteile

Mein Schrank enthält mehrere Hemdblusen mit langem und Dreiviertel-Ärmel (gekaufte Blusen, meine Paris-Bluse, die Paisley-Bluse nach dem selbst gemachten Schnitt) und zahlreiche Kauf-T-Shirts.

Kurzärmlige Kauf-Shirts habe ich genug. Ansonsten warten zwei Alma-Blusen mit kurzem Ärmel auf wärmeres Wetter: eine aus festem Baumwollstoff mit roten Punkten und eine aus türkis-rot gemusterter Popeline. Die gepunktete Bluse will ich jedes Jahr ausmisten, weil der Stoff eigentlich zu fest ist für eine Bluse. Aber ich mag das Muster so gerne, also gebe ich ihr doch jeden Frühling wieder Verlängerung.

Jacken

Kombifähige (Kauf-)Strickjacken besitze ich reichlich. Dunkelblau, schwarz, taupe, gelb, orange, stahlblau. Kein Bedarf vorhanden. Außerdem gibt es noch den kombinationsfreudigen Blazer Michelle aus grauem Jeansstoff, den ich im Frühling gerne trage. Eine weitere schicke Jacke wäre schon schön. Petrol oder rot, zu all den blauen Hosen und Röcken? Mal sehen.

Kuscheliger Näh-Erinnerungs-Quilt

An Trittsteine im Garten erinnert mich die Verteilung der Musterblöcke bei dieser Decke.
An Trittsteine im Garten erinnert mich die Verteilung der Musterblöcke bei dieser Decke.

Eine kuschlige Sofadecke ist letzte Woche vom Näh- ins Wohnzimmer umgezogen. Dort wärmt sie jetzt die Füße bei der Tagesschau. Für den besonderen Gemütlichkeitsfaktor sorgen das flauschige Fleece auf der Rückseite und das Vlies aus einer Wollmischung (beides von Butinette). Tatsächlich hält die Decke deutlich wärmer als eine ähnliche mit Fleecerücken und Polyestervlies.

Das Muster heißt „Mod Mosaik Blocks“ von Elisabeth Hartman. Ich nähe sehr gerne solche Improv-Muster, bei denen man der Laune des Augenblicks folgen kann. Akkurat vorbereiten muss man nur die weißen Zwischenstreifen – der Rest entsteht spontan aus den vorhandenen Stoffstücken. Ich habe nur mit Resten gearbeitet und dabei einige Stoffe (fast) aufgebraucht, die ich besonders toll finde. Den grasgrünen Batikstoff, die türkisfarbenen Zebras, den sonnengelben Fischgrat-Quiltstoff, den selbst marmorierten grün-orangenen Stoff und und und.

Wenn ich auf dem Sofa sitze und meinen Blick über die bunte Sammlung schweifen lasse, dann kommen so viele Näh-Erinnerungen hoch, dass ich mich nicht nur freue, sondern auch gleich wieder Lust bekomme, mich an die Maschine zu setzen. Schließlich grüßen von der Decke auch meine graue Paris-Hemdbluse, das Futter meiner Yogamatten-Tasche, ein Sommerblüschen aus Maybachufer-Baumwolle, mein wildest-gemustertes Sommerkleid…

Wie immer war die Quilt-Produktion sehr lehrreich für mich, denn auch nach der fünften – autodidaktisch genähten – Decke fühle ich mich wie eine blutige Anfängerin.

Zum ersten Mal habe ich die Lagen mit Sprühkleber statt mit Reihfaden oder Sicherheitsnadeln zusammengefügt – das hat das Quilten später sehr erleichert und trotz der dehnbaren Fleece-Rückseite hatte ich keinen Ärger mit Falten beim Quilten. Also: Das Geld für den Sprühkleber lohnt sich.

Ich hatte auch große Sorge, die Decke könnte durch die relativ engen Quiltlinien steif werden (der Abstand beträgt mit vier Zentimetern deutlich weniger als bei meinen bisherigen Quilts). Aber die Sorge war unberechtigt, sie ist schön weich und kuschlig geworden.

Beim nächsten Mal werde ich das Fleece auf jeden Fall mit der Overlock versäubern, bevor ich quilte. So hat die Decke überall unglaubliche Mengen weißer Fussel verteilt, und sogar nach dem Waschen klebten noch viele an der Decke. Erst ausführliches Bearbeiten mit der Fusselbürste hat geholfen.

Sehr gute Erfahrungen habe ich mit den Frixion-Stiften zum Markieren einiger Quiltlinien gemacht. Die Farbreste, die nach der Wäsche noch zu sehen waren, ließen sich mit dem heißen Fön ganz einfach zum Verschwinden bringen.

Verlinkt bei RUMS.

Ein Partner für Hollyburn

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Astoria mit Hollyburn – prima Partner

Hollyburn mag ich gern. Drei Stück hängen in meinem Schrank, ein blauer aus Wolle, ein roter aus Crepe und ein Sommerrock aus blauem Leinen. Es können gerne auch noch welche dazukommen. Aber das passende Oberteil zu finden fand ich oft nicht leicht – zumindest, wenn ich mal kein Shirt in den Bund stecken möchte.

Bei Dana von cutiecakeswelt habe ich kürzlich die Antwort auf die Frage nach Hollyburns perfektem Partner gefunden. Astoria von Seamwork. Der taillenkurze Pulli ergänzt die Silhouette des schwingenden Rockes ideal.  Also habe ich eine langehegte Skepsis gegenüber kurzen Oberteilen beiseitegeschoben, mich bei Seamwork angemeldet und losgelegt.

Der Schnitt ist simpel, aber dennoch formschön, außerdem schnell und einfach genäht. Das Astoria-Probeteil besteht aus einem wollweiß/grauweißen Stoff undefinierbarer Zusammensetzung, ein leicht leicht kratziger Strick, von dem ich mir nicht erkären kann, wie er in mein Stofflager geraten ist. Er ließ sich gut verarbeiten, trägt sich ok und passt farblich gut zum roten Hollyburn (zum dunkelblauen sowieso).

Ich bin sehr froh mit der Entdeckung – danke, Dana! Die nächsten zwei Exemplare sind schon geplant. Denn schließlich passt Astoria auch gut zu meiner Marlenehose und anderen Unterteilen, deren Bund etwas höher reicht.

Beim MeMadeMittwoch zeigen heute wie immer viele tolle Frauen selbstgenähte Sachen. Und Katharina tanzt in einer sensationellen Norweger-Strickjacke vor. Ich bin schwer beeindruckt.

 

Lehrreicher Wollrock mit Nadelstreifen

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Mit Pulli und Schal ist der lila Rock ein alltagstaugliches Winter-Outfit

Meine zeitmangelbedingte Blogpause endet heute mit einem interessanten Fall. Mein lila Wollrock (mit viel Spaß auf der Annäherung Süd 2016, dem Würzburger Näherinnentreffen gemacht) hat nämlich einige näherische Lektionen zu bieten.

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Senkrechte treffen waagerechte Nadelstreifen

Erste Lektion: der Schnitt. Bei der Annäherung hat eine Gruppe von Frauen den Vormittag beim Fabrikverkauf von Rene Lezard verbracht. Und dort nicht nur Stoffe und Kurzwaren gefunden, sondern auch Inspirationen. Bei mir war dies ein Wollrock, aus einem einzigen Stoffstück gemacht mit sehr reizvollem Streifenverlauf. In der vorderen Mitte trafen sich waagerechte und senkrechte Streifen des Nadelstreifenstoffes an der einzigen Naht des Rockes. Die Verarbeitung fand ich ebenso mager (simpler Gummibund, kein Futter) wie den Preis üppig (herabgesetzt noch gut 250 Euro). Also habe ich mich fürs Nach- und Bessermachen entschieden. Den Schnitt habe ich auf Grundlage eines Dreiviertel-Tellers selbst ausgetüftelt.

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Gepaspelter Reißverschluss mit Nadelstreifen

Zweite Lektion: der Reißverschluss. Einen Reißverschluss in der vorderen Mittelnaht wollte ich nicht, um den Streifeneffekt nicht zu zerstören. Weil sonst keine Naht vorhanden war, habe ich einen gepaspelten Reißverschluss genäht, ähnlich wie ein dreiseitiges Paspelknopfloch. Ich bin sehr zufrieden, wie ordentlich mir das mit dem Streifenverlauf gelungen ist.

Dritte Lektion: der Fall. Es stört mich nicht, aber ich finde es lehrreich, denn mein Rock führt ein Doppelleben. Tut er vorne so wie ein A-Linien-Rock fällt er auf meiner Rückseite schwingend wie ein Tellerrock. Ich bin sicher, das liegt an den unterschiedlichen Fadenläufen – senkrecht und waagerecht vorne, diagonal im Rückenbereich. An einem Stück kann man selten so deutlich sehen, wie großen Einfluss der Fadenlauf tatsachlich hat.

Von hinten hat der Rock etwas von einem Teller - von vorne ist er A-Linie
Von hinten hat der Rock etwas von einem Teller – von vorne ist er A-Linie

Vierte Lektion: die Farbe. Gekauft habe ich den Stoff im vergangenen Frühherbst bei einer Fahrt nach Brighton, vor allem, weil ich den wunderbaren, höhlenartigen, mit Stoffschätzen vollgestopften Laden nicht ohne einen Kauf verlassen wollte. Und auf Grau und Schwarz hatte ich einfach keine Lust. Also habe ich drei Meter des lilafarbenen Nadelstreifenstoffes mitgenommen und mich danach wochenlang gefragt, wie ich auf diese Idee gekommen bin. Was trägt man schliesslich zu lila? Inzwischen habe ich mich mit der Farbe angefreundet und plane sogar eine kleine Jacke aus dem Reststück. Auch wenn ein ganzes Kostüm vielleicht doch ein bisschen too much lila ist…

Fünfte Lektion: die Kleinigkeiten. Die machen für mich oft den Unterschied zwischen einem tragbaren und einem geschätzten Kleidungsstück. Mein Rock hat ein schönes, farblich perfekt passendes Blümchenfutter aus Viskose (der Stoff stammt vom Annäherungs-Wühltisch, vielen Dank der unbekannten Spenderin!). Der Saum ist unsichtbar von Hand genäht, der Beleg ebenso (fast) unsichtbar von Hand befestigt. Das macht den Rock feiner und seriöser als gesteppte Nähte. Noch so eine feine Kleinigkeit ist mein kleines Couseuse-Schild. All diese Details sorgen dafür, dass ich besonders zufrieden bin mit diesem Rock. Wenn ich ihn trage , freue ich mich über mich, über den Rock und darüber dass ich nähen kann. Ein richtiger Gute-Laune-Garant für trübe Tage.

Wie andere Näherinnen dem Winter begegnen, könnt ihr heute wie jede Woche beim MeMadeMittwoch lesen.

Verlinkt bei AfterWorkSewing

Bowline Sweater oder: vergnügliches Burrito-Nähen

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Die Drapierung ersetzt ein Teil des Halsbündchens und endet an der hinteren Ärmelnaht. Das Shirt hat Raglan-Ärmel

An einen Seemannsknoten soll die Drapierung am Vorderteil des Bowline Sweaters (Papercut Patterns) erinnern. Ein richtiger Knoten ist es allerdings nicht, sondern eher eine Verschlingung, eine angenähte, schön fallende Stoffröhre. Einen „Burrito“ soll man wickeln und zusammennähen, heißt es in der Anleitung.

Egal was nun genau da an der Schulter des Raglanshirts drapiert ist: Es ist sehr effektvoll, fällt schön und ist leicht zu nähen. Das Shirt näht sich bequem an einem Nachmittag, ein abwechslungsreiches Arbeiten mit schneller Belohnung.

Der Schnitt ist relativ leger ausgelegt, wer es gerne körpernah mag, sollte im Zweifel eine kleinere Größe nähen. Die Bündchen an Ärmeln und Saum sind recht breit und ergeben zusammen mit der Drapierung ein harmonisches Gesamtbild. Obwohl ich Bündchen eigentlich nicht sehr schätze und bei Shirts meist weglasse, gefallen sie mir beim Bowline Sweater gut, denn sie unterstützen den Faltenwurf. Die Ärmel sind relativ lang – in meiner zweiten Version habe ich sie um zwei Zentimeter gekürzt; das finde ich für mich optimal.

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Das Shirt fällt locker und bequem
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Faltenwurf im Detail – man näht einen Burrito und erhält eine Stoff-Röhre

Gestern habe ich meine zweite Version des Schnittes zum ersten Mal ausgeführt. Das Material: ein lockerer Jersey mit weißen Strukturen (Knötchen? Melierungen? Flammen?), sehr angenehm zu tragen und wunderbar frühlingshimmelblau (gekauft beim neuen örtlichen Stoffladen, der eigentlich auf Kinderstoffe spezialisiert ist). Ich habe mich sehr wohl in dem Shirt gefühlt.

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Probestück aus labrigem Strick, das im Laufe des Tages immer länger wird. Der Strickstoff ist so weich, dass sich die Drapierung immer mal von selbst weiter drapiert

Die erste Version – das Probestück – habe ich aus einem hübschen silbergrauen Strickstoff genäht, der leider einen sehr schlechten Charakter hat. Er ist dünn, laberig, verzieht sich leicht, wächst und dehnt sich ganz von selbst – ein grässliches Zeug, typischer Online-Fehlkauf. Aber immerhin:  Der Stoff fällt schön, was eigentlich eine gute Voraussetzung für den Schnitt ist. Und er ist, vor allem wenn es wärmer wird, angenehm zu tragen. Das Shirt trägt sich auch gut, wenn man davon absieht, dass es im Laufe eines Tages mindestens eine halbe Größe länger wird.

Auf den Bildern sieht man gut das unterschiedliche Fall-Verhalten der beiden Stoffe (und die zu langen Ärmel beim ersten Shirt).

Ich bin mit dem Schnitt noch nicht am Ende und möchte mich bald an einer maritimen Variante probieren. Diesmal frühlingshaft – aus Ringeljersey, ein bisschen schmaler, mit Dreiviertelärmeln und vielleicht ohne Bündchen. Der Stoff wartet schon.

Im Netz habe ich noch nicht viele Varianten des Schnittes gesehen, die meisten kommen aus Frankreich. Eine hübsche hat Svila genäht,  andere Les fils d’Emilie und Anne-Charlotte. Auch bei den Französinnen sieht man übrigens, dass unterschiedliche Stoffqualitäten die Drapierung ganz anders wirken lassen.

Am MeMadeMittwoch begleitet uns Näherinnen heute Burkhard in komplett selbstgemachtem Outfit. Ich finde es toll, einen Mann als Vortänzer zu haben und freue mich, wie jede Woche, auf den Laufsteg für selbstgemachte Kleidung echter Frauen.

Schnittmuster-Blues

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Oberteilstoffe warten auf Frühlingsinspiration. Ich wende mich bewährten Schnitten zu

Ich habe den Schnittmuster-Blues. Einen Überdruss. Fast schon eine Depression. Kein neues Schnittmuster reißt mich vom Hocker – alles schon gesehen, merkwürdiges Zeug, nichts Neues. Langweilig. Öde.

In den letzten Jahren bin ich im Frühling gespannt durch die neuen Kollektionen der kleineren Schnittmusteranbieter gesurft, habe vieles entdeckt, was ich unbedingt nähen wollte – und hätte nie Zeit gehabt, all die reizvollen Projekte tatsächlich anzugehen. Ich war inspiriert und begeistert. Spannende Silhouetten, raffinierte Details, reizvolle Linien haben mir Lust gemacht, viel auszuprobieren.

Gähnende Langeweile
Der Bowline Sweater hat als einziges Indie-Schnittmuster der letzten Zeit ein sofortiges Muss-ich-haben-Gefühl bei mir ausgelöst
Der Bowline Sweater hat als einziges Indie-Schnittmuster der letzten Zeit ein sofortiges Muss-ich-haben-Gefühl bei mir ausgelöst

In diesem Jahr befällt mich nur gähnende Langeweile. Rüschenblusen (schon wieder l’Impatiente von MLM Patrons, Marie von Named), Hemdblusen (Sarah von ByHand London, Melilot von Deer and Doe), die 1001. Variante eines Skater-Dresses (Beatrix von Named, Zephyr von Deer and Doe), gerade Kleider (Laurel von Colette, Arum von Deer and Doe). Als Details anzubieten haben die Schnitte einen Bubikragen. Eine Brusttasche. Eine Schulterpasse. Aber dafür kauf ich mir doch keinen Schnitt.

Gar nichts Neues noch von Pauline AliceRepublique du Chiffon kündigt neue Schnitte an. Und illustriert dies mit einem Foto, das meine Hoffnung gleich wieder zunichte macht. Da sieht man einen Armausschnitt mit Schuppen-Dekoration. Falls ich an Fasching mal als Tabaluga-Drache gehen will.

Lernprozess oder übertriebene Erwartung

Ich weiß nicht, was los ist mit mir. So viel Überdruss, statt fröhlich Frühlings-Nähpläne zu schmieden. Vielleicht liegt es daran, dass ich Schnitte immer besser durchschaue und verstehe, dass ich eine Schulterpasse, eine Brustasche oder einen abgerundeten Kragen auch ohne neues Schnittmuster hinbekomme. Dann wäre mein Schnittmuster-Blues ja Symptom eines Lernprozesses – ich angekommen auf einer höheren Stufe meiner Nähnerd-Existenz?

Oder bin ich einfach nicht modebewusst genug, um die kleinen feinen Veränderungen der neuen Schnitte angemessen zu würdigen? Spießig und ohne Lust am Ausprobieren der paar neuen Ideen, die ich gefunden habe? Die Astrid Wrap Pants von Named zum Beispiel. Eine coole, überlange Marlenehose mit Wickellatz. Interessant ja. Tragbar im Saarland? Daran zweifele ich. (Aber in diesem Fall werde ich genau beobachten, ob in der Blogosphäre tragbare Astrid Pants auftauchen. Könnte ja sein…).

Vielleicht erwarte ich in diesem Frühling einfach zu viel? Die Neuerfindung des Kleides sogar? Und dabei muss ich zugeben und sehe es ein: Ein Kleid bleibt ein Kleid bleibt ein Kleid. Eine Hose wird immer zwei Hosenbeine haben.

Drei Auswege

Was tun also, ohne neue Schnittmuster?

Erster Ausweg: Ich werde mich meinen alten Schnitten zuwenden. Eine schöne Alma-Frühlingsbluse schneidern (oder zwei). Und vielleicht endlich mal die Thurlow Trousers ausprobieren.

Zweiter Ausweg: Ich baue selbst. Gerade habe ich einen schönen Waxstoff für ein Sommerkleid bestellt. Das Kleid sehe ich schon vor mir, den Schnitt baue ich selbst. Aus Versatzstücken anderer Schnitte, mit viel Nähbuch-Lektüre. Das ist spannend.

Ein Rückblick als Ausweg: Vielleicht findet sich in den alten Büchern ein spannender Schnitt
Ein Rückblick als Ausweg: Vielleicht findet sich in den alten Büchern ein spannender Schnitt

Dritter Ausweg: Ich schaue in die Vergangenheit. Und schmökere mich entspannt durch die 70er Jahre-Handarbeitsbücher meiner Mutter. Zwischen zahlreichen Scheußlichkeiten findet sich da immer mal ein interessantes Modell.

Einmal bin ich kürzlich übrigens doch angesprungen auf einen neuen Schnitt. Der Bowline Sweater von Papercut Patterns liegt schon zusammengeklebt bereit. Ein Jerseyoberteil mit knotenartiger Verschlingung auf der Schulter. Sehr spannend. Damit lege ich jetzt mal los.

Und vielleicht habe ich ja spannende neue Schnittmuster übersehen? Wenn ja, gebt mir einen Tipp. Ich bin gespannt.

Vortanzen in handgenähter Jacke

erstes Bild - Aufmacherbild
Handgenähte Jersey-Jacke mit Ornamenten – petrol und dunkelblau sind meine Lieblingsfarben

Guten Morgen und bienvenue zum MeMadeMittwoch. Ich heiße Almut und blogge als lacouseuse. Dabei schaue ich hin und wieder gerne nach Frankreich hinüber und beobachte, was sich dort bei Schnittmusterfirmen und Nähbloggern tut.

Schwer wiegt heute die Ehre auf meinen Schultern, am MeMadeMittwoch vorzutanzen. Dem Anlass angemessen hat ein besonders Kleidungsstück Premiere. Die petrolfarbene Reverse Appliqué-Jacke habe ich schon vor einer Weile ganz gemütlich genäht und für den heutigen Tag aufgespart. Sie ist komplett von Hand genäht, ohne einen einzigen elektrischen Stich.

Die Muster sind aufschabloniert und umstickt, die Knoten liegen mit Absicht außen
Die Muster sind aufschabloniert und umstickt, die Knoten liegen mit Absicht außen

Die Jacke besteht aus zwei Lagen: unten ein dunkelblauer Baumwolljersey, oben ein etwas leichterer, petrolfarbener. Auf den habe ich Ornamente schabloniert, dann mit Knopflochgarn umstickt und in der Mitte ausgeschnitten, so dass die untere Lage sichtbar wird (eine genauere Beschreibung der Technik, die ich bei der wunderbaren amerikanischen Textildesignerin Natalie Chanin entdeckt habe, findet ihr auf meinem Blog – und tolle Stücke in der Technik zum Beispiel bei Antje von machenstattkaufen). Die Kanten habe ich rundherum mit dunkelblauem Jersey eingefasst. Die Knoten der Stickerei liegen außen, das gibt der Jacke eine Struktur, die ich sehr interessant finde. Der Schnitt ist ein ganz einfacher Basis-Schnitt ohne Abnäher, den ich auf Grundlage von L’indécise von MLM Patrons erstellt habe. Einen Verschluss hat die Jacke derzeit nicht; ich denke noch über einen dezenten Knopf mit Schlinge nach.

Die Jacke trägt sich schlicht zu Jeans, aber auch schick über ein dunkelblaues Kleid ins Theater. Diese Wandelbarkeit mag ich. Seit ich Colettes Wardrobe Architect gelesen – und teilweise auch für mich bearbeitet – habe, verfolgt mich die Idee eines Kleiderschrankes, in dem vieles zu vielem passt. Darauf achte ich immer stärker, wenn ich micht für oder gegen Stoffe und Schnitte entscheide. Der Chanin-Jacke habe ich deswegen in den letzten Wochen eigens zwei Kombi-Teile spendiert, die aber auch allein hoffentlich viel getragen werden. Die sind beide ganz normal an der Nähmaschine entstanden.

Sommerlich trägt sich meine Jersey-Jacke zum leichten Rock mit aufwändiger Kellerfalte. Farblich passen beide Stücke toll zusammen
Sommerlich trägt sich meine Jersey-Jacke zum leichten Rock mit aufwändiger Kellerfalte. Farblich passen beide Stücke toll zusammen

Das erste ist ein Rock (Burda 12/2015, Modell 111) mit interessanter Vierfach-Kellerfalte. Der Stoff ist ein relativ leichter Fischgrät-Webstoff, den ich petrol überfärbt habe. Der Rock kommt beim Laufen schön in Bewegung. Er hat dank der Falten eine erstaunlich große Saumweite, die man ihm in unbewegtem Zustand kaum zutrauen würde. Ich stelle mir vor, den Rock im Frühling und Sommer mit weißem oder pastellfarbenen Shirt auszuführen oder mit meiner Alma-Bluse. Und für schattige Ecken meine Chanin-Jacke mitzunehmen.

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Der Wickeleffekt ist geschummelt – unter dem Wickelteil sitzt ein ganz normaler Rock. Das verhindert ungewollte Einblicke

Der zweite Jackenbegleiter ist ein Pseudo-Wickelrock (Fashion Style 6/2015, Modell 18), mit dem ich beim Nähen ziemlich kämpfen musste. Die Anleitung war mager, das Wickelstück warf hässliche Falten – der Nahttrenner war im Dauereinsatz. Weil der Saum versäubert wird, bevor der Rock zusammengenäht ist, kann man die Länge nicht korrigeren. Sehr unpraktisch, denn ein bisschen kürzer hätte ich den Rock noch besser gefunden. Aber mit dem Ergebnis bin ich insgesamt dennoch ganz zufrieden. Es gibt kaum ein Oberteil in meinem Kleiderschrank, das nicht zu dem Rock tragbar wäre. Das finde ich ganz toll. So ist der Wickelrock eine Art Jeans unter den Röcken – ein Teil, das man zu allem tragen kann. Kein Wunder, denn marineblau ist  sowieso und war immer schon meine Passe-partout-Farbe. Der Stoff ist eine leicht stretchige, festere Baumwoll-Gabardine, so lässt sich der Rock auch bei frischen Temperaturen mit Strumpfhose tragen.

Voilà, das war’s von mir. Ich sage Au revoir in die Runde der Nähbegeisterten und bin schon ganz gespannt auf Eure selbstgenähten Stücke.

Hier sind die zwei übereinanderliegenden Stoffschichten gut erkennbar. Die Stofffarbe sorgt dafür, dass die Kanten nicht fusseln oder sich rollen
Hier sind die zwei übereinanderliegenden Stoffschichten gut erkennbar. Die Stofffarbe sorgt dafür, dass die Kanten nicht fusseln oder sich rollen

 

Reverse Appliqué – so funktioniert’s

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Reverse Appliqué an einem Schal – der Oberstoff ist fuchsia, der Unterstoff korallenrot. Das Motiv stammt von Natalie Chanin; der Schal ist komplett gedoppelt. Rundherum sind beide Lagen offenkantig mit Steppstich zusammengenäht

Zum ersten Mal ist mir die Technik Reverse Appliqué vor Jahren bei Constanze von Nahtzugabe begegnet. Und später dann immer wieder in den tollen Teilen von Antje von machenstattkaufen. Da war ich schon längst ein Fan von Natalie Chanin, der amerikanischen Designerin, die die Technik mit ihren aufwändig handgenähten Modellen immer wieder vorführt. Auch auf dem amerikanischen Blog Lilacs & Lace von Laura Mae finden sich tolle Ensembles nach Alabama Chanin.

Inzwischen besitze ich drei der Bücher von Natalie Chanin und habe schon einige Stücke mit Reverse Appliqué genäht. Bei einigen habe ich das Motiv selbst entworfen, bei anderen habe ich Vorlagen von Natalie Chanin verwendet (im Internet umsonst zu finden). Schwierig ist die Technik nicht, nur ein bisschen Zeit und Geduld muss man haben.

Wichtig: passendes Material. Mit einem labbrigen Strickstoff habe ich – nach viel Arbeit mit dem Malen und Sticken – letztes Jahr ein Teil für die Tonne produziert und daraus gelernt: Der Jersey, den man verwendet, muss eine gewisse Stabilität haben. Baumwolljersey ist ok, von sehr weichem, dehnbaren Viskosejersey würde ich dringend abraten.

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Drei Arbeitsschritte an einem Stück: Das Muster (wieder von Natalie Chanin) auf der Schulterpasse ist fertig schabloniert, Ober- und Unterstoff sind zusammengeheftet. Im rechten Drittel sind die Konturen schon umstickt. Ganz rechts unten ist der Oberstoff in den Formen ausgeschnitten, der Unterstoff kommt zum Vorschein.

Und so funktioniert es:

  1. Motiv auswählen und überlegen, wo es platziert werden soll. Über der Farbkombination von Oberstoff, Unterstoff, Stofffarbe und Stickgarn grübeln. Kombinationen Ton in Ton sehen edel aus, aber auch starke Kontraste wirken toll.
  2. Beide Stoffe zuschneiden. Man kann ein Shirt, einen Schal oder eine Jacke komplett dopppeln, nur einzelne Teile (z.B. die Schulterpasse oder das Vorderteil) doppeln und verzieren. Alternativ lässt sich der Unterstoff wie ein breiter Beleg verarbeiten, wenn das Reverse Appliqué zum Beispiel am Ausschnitt auftauchen soll.
  3. Motiv aussuchen und eine Schablone herstellen, je nach Plan aus fester Folie oder aus Papier (eventuell mit Klebefolie stabilisiert; Tipps zum Schablonieren gibt es hier).
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    Mit Stofffarbe wird das Muster aufschabloniert
  5. Dann das Motiv mit Stofffarbe auf den Oberstoff schablonieren. Darunter sollte Zeitungspapier liegen, weil die Farbe an einigen Stellen durchschlägt. Besonders gut funktioniert das mit einem stumpfen Schablonierpinsel oder mit einem Stück Küchenschwamm (die gelben mit der blauen Scheuerschicht; sie lassen sich mit der Schere wunderbar zurecht schneiden).
  6. Ober- und Unterstoff ordentlich aufeinander heften.
  7. Nun kommt der gemütliche Teil des Projektes, der je nach Zeitbuget ein Weilchen dauern kann: Mit Knopflochgarn (oder geteiltem Stickgarn) die Kontur des Motivs nachsticken. Die Knoten können dabei auf der linken Seite des Stücks liegen oder gewollt auf der rechten, dann geben sie später eine zusätzliche Struktur. Ob man Steppstiche oder Vorstiche nimmt, ist Geschmackssache. Ich entscheide mich meist für Steppstich, weil das Gesamtbild dann ruhiger wirkt.

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    Die Formen werden umstickt. Hier habe ich Sticktwist geteilt und immer drei Fäden zum Sticken genommen
  8. Jetzt kommt mein Lieblings-Arbeitsschritt: Den Oberstoff im Inneren der Formen so wegschneiden, dass ein schmaler Rand von zwei bis drei Millimetern stehen bleibt. Dabei kommt der Unterstoff zum Vorschein und man bekommt zum ersten Mal eine Idee, ob Plan und Wirklichkeit übereinstimmen. Vorsichtig schneiden und keine Löcher in den Unterstoff machen! Am besten geht das mit einer sehr spitzen, scharfen Stickschere oder einer guten Nagelschere (besonders praktisch bei gebogenen Motiven).
  9. Die Schnitteile wie gewohnt zusammennähen. Wenn das Kleidungsstück komplett gedoppelt ist, kann man die beiden Lagen ganz bequem wie eine verarbeiten. Ob man jetzt zur Maschine greift oder der Handnäherei treu bleibt ist eine Frage von Zeit und Geduld.
  10. Et voilà: schon fertig.

Wie sind eure Erfahrungen mit der Handnäherei? Zen mit der Nadel oder Nervenstress? Und schont ihr eure handgenähten Stücke auch so sehr wie ich? Ich schaue mir sie an, ich freue mich und lege sie oft zurück in den Schrank. Zum Schonen. Zu schade zum Tragen an einem normalen Tag. Verrückt, oder?